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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans. 69

hier, daß dieser und jener verliebt von ihm ist, eben wie manin Deutschland eine ungcheiratete Jungfer vexiert. Was nochmehr ist, die Weibsleute sind ineinander verliebt, welches michnoch mehr ekelt als alles. Man kann wohl von hier im Landsagen, wie in der heiligen Schrift steht:Alles Fleisch hat sichverkehret/' Es ist mir als bang, daß man mit den Moden dieLaster von hier auch wird in unser Vaterland bringen; denn wenndie Franzosen einen hübschen Deutschen sehen, laufen sie ihnen solange nach, als sie können, um sie zu.ertappen. Ich weiß ihrerviel, so sich nicht haben pcrsuadieren lassen und mit Ehren davon-gekommen sind, andre aber sind ärger geworden, als die Fran-zosen selber, und haben ein solch gottlästerliches Leben geführt,daß es nicht auszusprechen ist. Ich muß lachen, daß Ihr glaubt,daß Mannsleute sind, so gar keine Debauche haben; das müssenPhönixe sein und glaube ich, daß die, so Ihr so sehr beschuldigetdebauchiert zu sein, oder die Deutschen müssen sehr different von denFranzosen sein; denn sie halten sich's für eine rechte Ehre, debau-chiert zu sein, und wer sich piquieren sollte, seine Frau allein zulieben, würde für ein oot passieren und würde von jedermannverspottet und verachtet werden; so ist es hier beschaffen.

-Was Ihr mir sagt, warum Ihr froh seid, wenn ich Euch

nicht sehen werde, das heißt man auf gut Französischuns kauWsbuinilits" 1); denn ich sehe wohl aus Eure Briese, daß Ihr Ver-stand habt und nicht abgeschmackt seid. Was aber anbelangt,daß es Euch schmerzen sollte, mich wieder zu verlassen, so deuchtmich aber, daß wenn man einander wiedersieht, so kann man ge-troster von einander scheiden, weil die Hoffnung einander wiederzu-sehen die Traurigkeit mindert. Es ist wohl wahr, daß wenigFreuden in der Welt vollkommen sind, die Unglücke aber sind garvollkommen. Na tauts ihr Unglück, ihre gute Freundin, dieFürstin von Ostfriesland verloren zu haben, habe ich gleich achtTage hernach erfahren und bin recht drüber erschrocken; denn ichmir leicht einbilden kann, wie dieser Tod all I. L. Unglück undBetrübnis wird erneut haben. Die Herzogin von Eisenach istwohl zu beklagen, aber wenn man ins Trauern kommt, kannman nicht wieder herauskommen, ich habe es leider nur zu sehrexperimentiert. Nichts in der Welt ändert mehr den Humor und

')Eine falsche Demut".