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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans, 71

mag sie nur bei ihrem Spiel von vierundzwanzig Stunden sehen,um davon zu judizicren; wie verzweifelt sie aussehen! Eineweint die bitteren Thränen, die andre ist feuerrot und gehen ihrdie Augen im Kopf, als wenn sie in die Gicht fallen wollte, diedritte ist bleich wie der Tod und wie halb ohnmächtig, undMänner und Weiber sehen aus wie Besessene, können niemand beinoch um sich leiden. Das sind hiesige Freuden, aber wahrlichnicht die meinen; wollte lieber mit guten Freunden im grünenGras bei einem Brunnen essen, wie Ihr und Louise, die Frauvon Degenfeld und Schelm *) gethan habt. Dies Land hat nochüber dem englischen, daß alle debauchierten Männer und Weiberpolitisch sind und dem Hof gefallen wollen, welches manche Un-treue und Verräterei gibt, aber in welchem Land es sein mag, somuß man, wenn man geheiratet ist, die Jalousie aus dem Herzenbannisieren, denn das kann nie kein Gut thun. Seine Händein Unschuld waschen, gibt wohl für sich selber ein ruhig Gewissen,allein es gibt kein angenehm Kommers und mit einem ruhigenGewissen kann einem doch die Zeit bitter lang fallen und manchesehr langweilige Stunden haben. Ich bekümmre mich nicht überder Welt Wesen, aber es macht mich die Welt genug verachten,um wenig Lust zu nehmen, in Gesellschaft zu sein. Man hörtvon nichts, als tragiquen Aventüren; bald werden fünf Weibernoch gerichtet werden, so ihre Männer ums Leben gebracht haben,noch etliche haben sich selber ums Leben gebracht, sonst geschehenauch viel Unglück. Ihr werdet vielleicht die Komtesse de Royein England gesehen haben. Deren ältester Sohn, der Komte deRouey, wollte zu Meudon vor etlichen Tagen, wo er bei demMonseigneur war, eine kleine Kalesche führen, führte aber so übel,daß er mit dem vordersten Rad an eine große Wurzel vomBaum so gewaltig anstieß, daß er selber, so ganz gerade in demkleinen Wagen stand, zwischen die Pferde siel, und die Leitseilewickelten sich dermaßen um ihn herum, daß, wie er wieder auf-stand, zog er die Pferde so stark an sich, daß sie kurz drehtenund ihn gegen einen Baum warfen. Das Blut schoß ihm gleichaus der Nase. Man hat ihn viermal zu Ader gelassen, er hataber das Gedächtnis verloren und weiß nicht, was ihm wider-

>) Ein Beamter des vfälzischen Hofes; seine Frau war dieSchwester der Frau von Rathsamhausen.