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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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72 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orläans.

fahren ist, man weiß noch nicht, ob er davonkommen wird. Dasist alles, was wir hier neues haben.

An die Raugräfin Amelie Elisabeth.

(36) St. Cloud, 24. Juli 1699.

.... Es ist nicht gar schlimm, ein wenig gezwungen sein,zu rasen; denn das schüttelt das Milz, macht schwitzen und vertreibtdadurch die bösen Humoren und verhindert krank zu werden. Ca-nincher-Jagd, da erhitzt man sich nicht bei. Die Tiercher, so dieEanincher sangen, sind keine Wieselcher, man heißt sie tnrsts infranzösisch, sie sind größer als die Wieselcher, haben die Mäulernoch spitziger und sind viel brauner. Ich kann keine Eanincheressen. Sonst esse ich viel lieber auf englisch, als auf französisch;ich habe mich das französische Essen gar nicht angewöhnen können,kann keinen einzigen Ragout essen und ich esse gar keine Fleisch-brühe noch Suppe, kann also gar wenig hier essen, esse auch nichts,als Hammelschlegel, gebratne Hühner, Nierenbraten, Rindfleischund Salat. In Holland habe ich auch Kibitzeier gegessen, ichaber soviel, daß ich mich übergeben mußte, seitdem habe ich keinemehr essen können. Es geschieht gar oft, daß man Gott dankt,daß eine Heirat, so hätte geschehen sollen, nicht geschehen ist, undöfter, als daß man Gott dankt, daß man geheiratet ist. DieArmut ist eine böse Qualität zum Ehestand; denn wie MoliLresagt, so lebt man wenig ä'unma via" st man ißt nicht vonman arnonr". Man hat viel mehr Exempel, daß man sich arm,als reich mit dem Goldmachen gemacht hat. Mich däucht, dieWinde und Gestirne zu erkennen, kommt eher einem Mathemati-kus zu, als einem Mann von Qualität und einem Reichsgrafen;denn die haben ordinär die Zeit nicht, so aus dem Fundamentzu studieren, wie die, deren Handwerk es ist. Ordinär wissen dieGelehrten nicht zu leben, und ob sie zwar gescheit in ihren Kün-sten sind, sind sie doch wie Gecken unter die Leute; also der Per-sonen von große Qualität Sache nicht, so erschrecklich gelehrt zusein; denn es ist ihnen hoch nötig, die Welt zu kennen und wiesie mit jedermann leben müssen und sollen, welches man nur durchExperienz und nicht in den Büchern lernt.