96 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orloans.
antworten können. Seid Ihr denn so einfältig, daß Ihr meint,daß die Katholischen keinen rechten Grund des Christentumshaben? Glaubt mir, liebe Ameliese, der Christen Grund ist beiallen christlichen Religionen derselbe. Was den Unterschied an-langt, ist nur Pfasfengezänk, so die ehrlichen Leute nie angeht;aber was uns angeht, ist, wohl und christlich zu leben, barm-herzig zu sein und uns der Charität und Tugend befleißen.Daraus sollen sich die Herren Prediger befleißen, dieses den Christeneinzuprägen und nicht nachzugrübeln, auf alle Punkten, wie sieverstanden werden; aber das würde deren Herren Autorität min-dern. Drum legen sie sich nur auf dieses und nicht aufs Vor-nehmste und Notwendigste. Ihr folgt, liebe Ameliese, den rechtenGrund, also sollt Ihr Euch nichts weismachen lassen vom Uebri-gen. Ich muß lachen, daß Ihr Euch scheut, französische Wörterin Eure Briefe zu setzen, da ich ja mein Deutsch schier selbervergesse. Das kommt mir albern vor, daß unsre gute Deutschenals Französisch schreiben wollen, als wenn man nicht auf Deutschschreiben könnte. Ich fürchte, das Deutsche wird sich endlich soverlieren, daß es keine Sprache mehr sein wird. Daß Euch dasFräulein von Rathsamshausen letzt nicht geschrieben, wundert michnicht; denn sie ist krank, hat wie ein Geschwür an Kopf, büßtBlut und Materie, und hat solche abscheuliche Kopfschmerzen, daßsie weder lesen, schreiben, noch nichts thun kann, wie mir meinTochter schreibt; denn sie, die Rathsamshausen, hat mir auch nichtgeschrieben, noch schreiben können. Ich kann mich nicht genugswundernj, wie alles in Deutschland geändert ist. Mich deucht,es war alles besser reguliert zu meiner Zeit. Ich würde garaltfränkisch sein, wenn ich in Deutschland kommen; denn die neueArt von reden würde ich Mühe haben zu lernen. Das Saufenist nur gar zu sehr in der Mode unter den jungen Weibspersonenund von der besten Qualität; aber genug hiervon. Ich glaubenicht, daß Frankfurt Gefahr leidet; allein ertappt man Euch dor-ten, so laßt Euch gleich herführen! Ich verspreche Euch gutQuartier.
An die Kurfürstin Sophie.
(55) Meudon, 28. Aug. 1704.
. . . . E. L. sage ich nochmals demütigen Dank für dasWachs für die Augen, so Sie mir haben beliebt zu schicken, ich