Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans. 113
zu rechnen, was sonst hätte geschehen können. Wenn mein Sohngleich nicht wieder in Italien geht, ist doch wohl zu vermuten,daß, so lang der leidige Krieg wehren wird, er wohl nicht zuHaus bleiben wird; wünsche also den Frieden recht von Herzen.
An Amelie Elisabeth.
(86) Versailles, 23. Dezember 1706.
Herzliebe Ameliese, diesen Nachmittag habe ich Euren liebenBrief sammt der Zeitung und das Pietist-Büchelchen zu rechtempfangen; danke für beides, habe aber noch der Zeit nicht ge-habt, eines noch anders zu lesen, habe nur Euren Brief gelesen.Ich sehe gern so was Neues, wird mich also divertieren. Ichglaube, Ihr habt Euch ein wenig in Eurem Datum betrogen;denn Ihr datiert vom 14. und wo taute Bries ist nur vom 12.datiert und I. L. haben die Gewohnheit nicht, 2 Tag vor derPost zu schreiben; glaube also, daß Ihr Euch ein wenig verschriebenhabt. Mich beucht, daß die Trennung vom hannoverischen Hofgar oft geschieht. Es ist keine unangenehme Ursach, so den Kur-fürsten nach Zell führt. Alle Hahnrei müssen den Pietisten einePension machen, weilen er so sehr gegen den Ehebruch schreit.Wenn ihm auch nur ein jeder einen Thaler geben sollte, würdeer bald gar reich werden wegen der Menge. Daß er aber gegenden König in Preußen geschrieben, meritierte wohl Korrektion.Der Hof hier ist gar still, doch haben wir vorgestern Komödiegehabt, 4,68 Horaessfi und lüsootö 6,68 leionreo^), wegen derFest aber werden keine mehr gespielt werden, als nach Weihnachten.Hier ist auch eine Art Pietisten, so man Quietisten heißt; siesind nicht so schlimm wie die ordinären Pietisten, so in Deutsch-land sind; man hört nicht, daß sie debauchiert sind. Der Pfarrherr,so sich so mit dem Nierenbraten mortifizirt hat, meint wohl, wasSchönes gethan zu haben, und ich finde, daß es eine Thorheit ist;hätte besser gethan, davon zu essen, und seiner Frauen Dank zuwissen, daß sie für ihn sorgt, und sie also erfreut, daß sie wasgethan, so ihm angenehm gewesen, aber wie man im Sprichwortsagt: „So viel Köpf, so viel Sinn." Der verstorbene Königvon Siam, als unser König ihm sagen ließ, er bäte ihn, die
H Tragödie von Corneille.
H Lustspiel von Mokiere.