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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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150 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans.

macht, die sind jetzunder gewohnt, sich überall niederzusetzen. ReicheLeute sind leicht verwandt, meinen nichts sei besser, als sie. Ichbin wie Ihr, liebe Louise. Ich kann das Wiederhciraten nichtbegreifen, denn entweder hat man Ursach gehabt, den Verstorbenenzu lieben oder zu hassen. Hat man ihn lieb gehabt, wie kannman denn einen andern in dessen Platz setzen? Und ist man un-glücklich gewesen, so kann ich nicht begreifen, wie man es wagenkann, sich wieder in die Gefahr zu begeben; also kann ich dasWiederheiraten nicht verzeihen. Es sei, daß man Hungers stirbtund jemand findet, so einem wohl Brot geben will, in dem Fallist es erlaubt, aber sonst nicht. Aber, liebe Louise, in diesen undvielen andern Sachen vollbringen die Menschen nur was unserHerrgott über sie vorsehen hat.

An dieselbe.

(127) Marly, 16. Oktober 1710.

Ihr seid ja, liebe Louise, von gar keinem Alter grau zusein. Vor fünfzig Jahren wird man es ordinär nicht, man mußsich wohl stark pudern, wenn man viel graue Haar hat, dasPuder stehet aber den Blonden besser, als den Braunen. Ich habedie gute alte Frau von Harling zu Hannover lang ohne graueHaar gesehen. Man hat viel Exempel, daß Leute in einer Nachtvor Angst grau worden, aber nicht ohne Accident, wie MonsieurBülow widerfahren. Ich habe hier einen Tanzmeister gesehen, demauch hier dasselbige begegnet, daß ihm eine halbe Seit und Aug-brauen grau geworden, allein es kam von einer Krankheit, undMedisanten sagen noch dazu, es käme von einer wüsten Krankheit.Das darf sich vielleicht Monsieur Bülow nicht berühmen. Ichwollte, liebe Louise, daß ich Euch mein zu viel Fett überlassenkönnte. Das ist wohl wahr, daß nichts in der Welt mehr ver-altet, als die Betrübnis. Man kann nicht mehr Traurigkeit em-pfunden haben als ich, allein nichts macht mich mager. Ich habevor etlichen Jahr das kontinuierlich Fieber mit zwei Redoublementendes Tages dreiundzwanzig Tag gehabt, dabei von hinten achtund-zwanzig Paletten Blut verloren, ohne mager zu werden, glaubealso, daß ich fett sterben werde. So geht's in der Welt, manfindet allezeit etwas, so einen niederdrückt, aber man muß sich insich selber erholen. Euer Temperament muß melancholisch sein,liebe Louise, denn sonsten würdet Ihr Euch gar gewiß wieder er-