Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans. 151
holen, aber das Temperament ist stärker als alles. Sich zu er-freuen können ist mehr Gescheitigkeit als Einfalt. Große Sachen,so einem erfreuen können, sind selten, drum muß man suchen sichmit kleine Sachen die Melancholie zu vertreiben, denn nichts istschädlicher für die Gesundheit und hilft zu nichts, als unsre Freundeund die uns lieben zu betrüben und die uns hassen zu erfreuen.Ein jeder muß suchen, was man haben kann und welches ammeisten distrahiert.
An dieselbe.
<128) Marly, 6. November 1710.
Muß doch noch vorher sagen, daß ich vorgestern wohl denerschrecklichsten Schrecken gehabt, so ich mein Leben ausgestanden.Um es mit wenigen Worten zu erzählen, so müßt Ihr wissen,liebe Louise, daß vergangenen Dienstag, wo wir alle die St. Hu-bert zelebrierten und schon einen Hirsch gefangen hatten und denandern rannten, sehe ich Einen daher rennen, der stürzt mit demPferde. Ich meinte erst, es wäre ein Pikeur, sahe wohl, daßer sehr blessiert war; denn er hatte Mühe aufzustehen. Wieman ihm aufhilft und ich ihn ins Gesicht sehe, war es mein Sohn.Denkt wie mir zu Mut war! Ich nahm ihn in mein Kalesch,führt' ihn her; der Schmerzen war aber abscheulich, konnten nichtwissen, ob der Arm gebrochen oder verrenkt war, es hat sich dochgefunden, daß er nur verrenkt. Wie es aber just die Achselwar, woran mein Sohn schon 2 mal verwundet und wo manihm Nerven abgeschnitten, so war der Schmerzen so erschrecklich,daß er war wie ein Mensch, das in den letzten Zügen liegt. So-bald die Achsel wieder eingerichtet, hat er keinen Schmerzen mehrempfunden, ist nun wieder wohl und man hat ihn zur Ader gelassen.Er hält die Kammer nicht, hat den Arm in einer Schärp und gehtüberall herum. Es ist eine halb Stund, daß er da bei mir sitzt.
An dieselbe.
<129) Versailles, 22. Novemb. 1710.
Herzallerliebste Louise, gestern fuhr ich nach Paris, hattemein Sohn und die Großherzogin *) zu Gast gebeten, wolltenabends miteinander ins Opera. Wie ich ankam, bracht' man mir
') Von Toskana. Sie war die älteste Tochter des BrudersLudwigs XVI.