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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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158 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans.

An dieselbe.

(136) Marly, 16. April 171l.

Herzliebe Louise, meine Intention war heute gar exakt auf

Euer liebes Schreiben vom 30. März zu antworten, so ich letzt-mal nicht gekonnt hatte, allein ich habe wohl nicht erraten könnendas Unglück, so seitdem geschehen, nämlich daß Monster le Dau-phin Dienstag nachts um II si sterben werden, da man ihn ganzaußer Gefahr gemeint. Das Fleckfieber hat sich zu den Kindcr-blattern geschlagen und den guten Herrn erstickt. Der König istselbe Nacht gleich her, hat aber verbieten lassen, daß wir selbeNacht nicht her sollten. Ich habe mich doch um 12 wieder an-gethan, um zu Monseigneur Kinder zu gehen, welche ich in einerBetrübnis gefunden, das einen Stein erbarmen möcht. Um3 Uhr Morgens bin ich schlafen gangen, habe aber kein Augzugethan bis um 7, daß ich wieder aufgestanden bin, um herzu-kommen, dem König das Leid zu klagen. Der hat mich wohlin der Seelen touchiert, denn er ist in der größten Betrübnis,daß ein Mensch sein kann, all ebenwohl ist er nicht krittlich, sprichtmit jedermann und gibt Ordre in alles und man sieht eineSoumission in Gottes Willen, die nicht auszusprechen, tröstet sichmit dem einigen, daß Monseigneur Beichtvater versichert, daßMonseigneur Gewissen in einem gar guten Stand war, daß erhoffen konnte, daß er auf Ostern wohl zum h. Abendmahl gangen,also selig gestorben. Der König redet so christlich, daß es einemrecht zu Herzen geht und hat mich gestern den ganzen Tag flennenmachen. Nachdem ich den König gesehen, bin ich wieder nachVersailles und abends her.

An dieselbe.

(137) Marly, 19. April 1711.

Zu Heidelberg ging ich bitter ungern in die französische

Kirch, denn es deuchte mir ganz etwas anders sein als die deut-schen. Der Styl von Marot kam mir mehr doallon als devotvor. Wir sind hier alle in großer Trauer, denn ich glaub, ichhabe Euch schon verzählt, liebe Louise, wie unversehens der armeMonsieur le Dauphin gestorben. Seine Krankheit war abschcu-

Am l4. April starb Monseigneur, der Sohn Ludwigs XIV.-y Lyrischer Dichter Frankreichs 1490-1535, besonders durchseine französische Psalmenübersetzung bekannt.