Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans. 207
Herr Vater s., der Kurfürst, pflegt' als zu sagen, daß das Ge-schlecht von den guten Hofmeistern und Hofmeisterinnen ganz aus-gestorben sei; aber die Prinzeß von Wales Mß noch jemandengefunden haben von diesem Geschlecht, weilen I. L. Kinder sowohl erzogen sind. Mylord Peterborough ist nicht von denen, soden jetzigen König in England odorieren, denn er hat hier aus-gebreitet, daß zu Bristol König Jakob der Dritte wäre prokla-miert worden, daß, wie König Jörgen hätte hingeschickt den Auf-ruhr zu stillen, so wären die, so man hingeschickt, so übel em-pfangen worden, daß man nicht weiter hätte hinschicken dürfen.Er hat auch hundert iwxsrtiiisimW vom König erzählt, vonfeinem Geiz, daß er nichts geben wolle und die Prinzeß vonGeben abhalte. Er erzählt, daß I. M. mit einer Dame gespielthätte, die wäre ihm 18 Franken schuldig geblieben, andern Tagshätte diese Dame dem König viel Bouteillen Wein geschickt, dahätte der König zum Knecht gesagt: „Sagt an Eure Dame, siesolle Euch meinetwegen 8 Franken geben, so bleibt sie mir nichtmehr, als noch 10 Franken schuldig." Er hat noch etwasSchlimmeres hier öffentlich erzählt, nämlich, daß der König in dieKomödie hätte gehen wollen, da hätten die Komödianten von nichtsals Hahnrein gesprochen und hätten der Prinzeß von AhldenHistorie vor dem König gespielt. Hundert solche schöne Historienerzählt dieser ehrbare Gesell, es hat mich recht gegen ihm pikiert.Er kommt nie zu mir; wäre er kommen, hätte ich ihm meineMeinung dicht gesagt. Man muß die Wahrheit sagen, Engländersind wunderliche Köpfe und insonderheit dieser, von welchem wirsprechen.
An dieselbe.
(183) Versailles, 25. Januar 1715.
— — — — Ich kann Euch mit Wahrheit versichern, daßalle Eure Schreiben mir recht lieb und angenehm sind, wie ichEuch, liebe Louise, schon oft gesagt habe. Denn erstlich, so schreibtIhr recht schön und wohl, zum zweiten, so seid Ihr mir ja liebund nahe genug, um gern viel von Euch zu hören, und zumdritten, so erhält es mir mein Deutsch, welches ich in den 43 Jahrenall längst vergessen hätte, wenn ich es nicht durch Lesen undSchreiben erhalten hätte. Aus diesen drei Ursachen seht Ihr wohlhell und klar, daß ich Eure lieben Schreiben nie müde kann