Buch 
Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
JPEG-Download
 

Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans. 209

Englisch wohl zu lernen. Wenn man eine Sprache ein wenigkann und lang an einem Ort ist und L tort et L travsrs dreinspricht, lernt man die Sprache, ohne daß man's schier selber ge-wahr wird. Ich habe Euch letztmal geschrieben, liebe Louise, weralle die tollen Historien gegen König Jörgen von England aus-gebreitet hat, der Peterborough ist ein wunderlicher Heiliger, wieI. G. unser Herr Vater s. als pflegt zu sagen. Daß Ihr denKönig nun nicht seht, da Ihr die Kinderblattern im Haus habt,ist gar kein Wunder; aber daß Ihr ihn bis an den Blatternnicht gesehen, ist gar zu wunderlich, macht mich ungeduldig, wennich dran gedenke; will derowegen weiter nichts davon sagen. Ma-dame d'Orlsans ist nicht in der Gewohnheit, Buben zu bekommen,sie hat 6 Mädchen gegen einen einzigen Buben bekommen. Dasarme Kind, ob er schon ins 12. Jahr geht, ist er doch gar delikat,nicht stärker als ein Kind von 9 Jahren. Ich befinde mich allziemlich wohl, aber ich kann gar wenig gehen, habe großeSchmerzen in den Knieen, das ist gar langweilig und hindertmich oft am Schlaf. Es geht mir wie Mutter Anneken, dasAlter kommt mir mit manchen Gebrechen; sage doch großen Dankvor alle Eure guten Wünsche.

An dieselbe.

(185) Versailles, 12. März 1715.

— — — Ich komme jetzt auf was Ihr mir wegen EurerNiöce und Vettern von Degenfeld meldet, muß aber noch vorhersagen, daß Euer Vertrauen, liebe Louise, mir recht das Herz ge-rührt hat und wenns möglich sein könnte. Euch lieber zu haben,

so würde dies Vertrauen zu mir dies zu Wege gebracht haben.

Ich finde den Heirat, den Ihr gern sehen wollt, sortäble genug,

wenn nur der Freier reich genug ist, daß sie gemächlich nach ihrem

Stand werden leben können, denn wie unsre liebe s. Kurfürstinals pflegt zu sagen: „Liesften ist tiefsten, maer koken gaet vorall." Denn sollten durch diesen Heirat die zwei junge Leute,so einander lieben, kontent sein, der karge Vater aber würde sichüber Euch zu beschweren haben, als wenn Ihr Eure leiblicheNisce Euern Vettern sakrifiert hättet. Hat er aber Mittel genug,nach seinem Stand zu leben, so ist nichts dagegen zu sagen.Das ist meine Meinung, liebe Louise! Denn die Liebe vergehtmit der Zeit, und wenn es hernach schmale Bißcher gibt und54 14