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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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> Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans. 223

s-u coiisKs ^). Sein Herr findet, daß er so viel Verstand hat,daß er die Kinder im Collsge besser unterrichten wird, als dieMeister. Aesop, um zu sehen, was vor Humor die Kinderwaren 2), läßt Kaufleute kommen mit allerhand Waren und er-laubt ihnen, zu kaufen und zu wählen, was sie wollen, und davonjudiziert er von ihrem Humor, macht jedem draus etliche Fabeln,die recht artig erzählt sind und aus jedes Sujet kommen. DieKinder aber, so mutwillig sind, thun dem Aesop allerhand Possenund machen ihn an. Aus diesem allem seht Ihr wohl, liebeLouise, daß es gar keine geistlichen Komödien sind. Aber zuSt. Chr hat Madame de Maintenon etliche geistliche Komödiendurch Monsieur Racine machen lassen, als Esther und Athalia,die sind über die Maßen schön und keine Quackeleien^) drin.Aber da ruft man mich zur Tafel, nach dem Essen ein Mehreres.Jungfer Kolb pflegt zu sagen:Morgen so viel, so sterben wirheute nicht."

An dieselbe.

(196) Marly, 18. Juli 1715.

-Dienstag war Hirschjagd und wir kamen erst um

8 Uhr Abends wieder nach Haus, hatten um 3 angefangen.Wie ich wiederkam, mußte ich mich anders anziehen, hatte alsonur die Zeit, ein paar Worte an meine Tochter zu schreiben. Ichhatte eine von meines Sohnes Töchtern mit mir genommen, dieihr Leben keine Jagd gesehen, es war die dritte von den lebendigen,denn die erste ist längst tot, hat keine 2 Jahr gelebt. Manheißt diese Mademoiselle de Valois, es ist ein Mädchen von14 Jahren H. Wie sie noch ein Kind war, meinte ich, sie würderecht schön werden, aber ich bin sehr in meiner Hoffnung betro-gen, es ist ihr eine große Habichtsnase kommen, die hat allesverderbt, sie hat das artigste Näschen von der Welt gehabt; so

1) Es ist eine im Jesuitenkollegium zu Paris aufgeführteKomödie u. d. T. Hsoxs aa ooltsZö, gedichtet von dem JesuitenJean Antoine du Cerceau, gemeint.

2 ) Wohl verschrieben für: haben, oder wären: dann wäreder Sinn: welchen Humors die Kinder wären.

b) Nichtiges Gerede, Possen; die beiden Racineschen Stückesind aus dem Jahre 1690 und 1691.

*) Charlotte Aglas von Orlsans, geb. 1700, gest. 1761, hei-ratete 1720 den Herzog von Modena.