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Einteilung, tz. 2.
werden; neben Zügen männlicher Tugend laufen die Eigenheitender kleinsten und niedrigsten Seele her. Hier edel und ritterlich,dort hämisch und boshaft, hier empfänglich für alles Große, dortmit feindseligem Hohn alles Göttliche im Menschen überschüttend,hier eilt Kämpfer für Freiheit und Recht, dort kriechend und schmei-chelnd wie der niederträchtigste Hofpoet von Versailles — hiersittlich rein, dort sich im Kothe der Gemeinheit wälzend, hier fürFreundschaft und alle edlen Gefühle glühend, dort dem Haß, demNeid, dem Undank, der Vcrketzerung und allen Lastern eines kleinenHerzens unterworfen, hier kühn einem ganzen Jahrhundert denHandschuh hinwerfend, dort sich feige hinter jeder Niedrigkeit ver-steckend — so erscheint uns Voltaire in seinem Leben, ganz wiedie Gesellschaft, die ihn erzogen und gebildet, gehätschelt und em-porgetragen hatte, das treue Abbild einer Zeit, an deren Ideenflugder sittliche Schmutz der Regentschaft hing.
Bei Ludwigs XIV. Tode war Voltaire wegen eines beißendenEpigramms, das ihm zugeschrieben wurde, auf die Bastille gekom-men und hatte dort seine Henriade entworfen, seinen Oedipebeendigt. Der Letztere wurde 1718 mit großem Erfolge aufgeführt.Voltaire wollte der Racine seines Jahrhunderts werden; in seinemSedipe gelang es ihm weder Racine zu überbieten noch seine gro-ßen Seiten auch nur zu erreichen, und doch ließ die Wirkung, derErfolg des Stückes sich dein der Werke Racine's wohl an die Seitestellen; nicht bloß das große Publikum klatschte ihm Beifall, auchdie literarische Welt setzte die Mnstergiltigkeit dieser Leistung nebendie besten Werke Racine's. Das lag an dem glücklichen Griffe,den Voltaire gethan, als er mit dieser sog. Tragödie zum erstenMal die geistige Strömung der Gegenwart unter frem-dem Namen auf die Bühne brachte. Die gravitätische, vonEorneille noch ererbte fast spanische Etiquette der Sprache warverlassen, eine leichte, ungebundene Art des Denkens und Handelnsherrschte darin, die Helden waren lauter moderne Zeitgestalten, indenen eine Menge Beziehungen auf die Gegenwart zu finden war;hier wurde die Freiheit, dort die religiöse Duldung gepriesen, daseine Mal der weltliche, das andere Mal der geistliche Despotismusverurtheilt. Der Kothurn Racine's hatte zu hoch über dem Lebengestanden, in seinen majestätisch dahin rollenden Versen hörte mankeine Beziehung zum Leben; hier war das anders; das war mit