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Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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Necker und die Rcichsstände.

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geächtet, die Stände in den Provinzen lehnten sich auf, Gouver-neure und Intendanten fanden keinen Gehorsam mehr, selbst dieBahonnette versagten, die ganze Maschine weigerte den Dienst unddie Regierung hatte die vollständigste Niederlage erlitten, obgleiches fast nirgend zu einem heftigen Zusammenstoß oder zu ernst-haftem Blutvergießen gekommen war. Bei Gelegenheit dieser Un-ruhen bediente sich an den meisten Orten zumal in Paris der hoheund höchste Adel eines zweischneidigen Werkzeugs: er wühlte dieMassen auf, und setzte ein ähnliches Gesinde! in Bewegung, wiedas, welches einst den Mehlkrieg gegen Turgot geführt. Die erstenanarchistischen Turnübungen namentlich des pariser Pöbels hat derAdel veranstaltet, der sich nachher nicht wenig wunderte, als sichzeigte, daß das Volk diese Kunststücke auch ohne, ja selbst gegenseine anfänglichen Befehlshaber verstehe. Der Minister, der dieletzten Schritte «»gerathen, ließ sich natürlich nicht mehr halten,Brienne erhielt seine Entlassung (August », der König berief Neckerzum zweiten Mal und der Jubel des Volks begrüßte die Wahl.

Necker und die Reichsstände.

Nichts ist seltsamer als die heitre Unverzagtheit, womit dieserdas Ruder des Staates jetzt ergriff. Es hat etwas fast Komisches:mit den: leichtesten Muth von der Welt geht er an das lecke Fahr-zeug heran, überzeugt, daß es nur seiner Riesenhand bedürfe, Alleswieder in Ordnung zu bringen und das unter Umständen, dieeinen viel größeren Mann hätten zur Verzweiflung bringen können.

Sein erster Handgriff war, daß er der Nation versprach, dieütut8 »onoi'uux zu berufen. Das Wort war in den letzten Jah-ren einigemale gehört worden. Die Reichsstände waren das Noth-mittel, das Montesquieu schon ein halbes Jahrhundert früher vor-geschlagen hatte. Lafahette hatte es seit den Notabeln wiederholtverlangt und als die Wirren im Herbst 1787 ausbrachen, griff esdie Regierung zum ersten Male aus, sie dachte die Versammlungso etwa in 5 Jahren d. h. 1792 einzuberufen, da gab es bekannt-lich keine Monarchie mehr. Jetzt war die Morgengabe des Mini-steriums Necker die Verheißung, daß auf den Beginn des nächstenJahres die allgemeinen Reichsstände einberufen werden sollten.

Es lag auf der Hand, die Berufung der Reichsstände in sol-chem Augenblick war die Revolution: vielleicht war kein anderer