Graf Mirabeau'» Vergangenheit.
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samkeit, theils aus Liebhaberei für seine wirtschaftlichen Studien;um erinessen zu können, ob der Sohn wirklich ein anderer Menschgeworden sei, wollte der Vater ihn erst als Phhsiokraten erproben.
Am 25. August 1770 verließ Mirabeau die Provence, umsich zu dem endlich mürbe gewordenen Vater auf sein Gut imLimonsin zu begeben. Der führte ihn hinaus in die Wirthschaft,
auf die Felder und die Höfe, ließ ihn im Sinne des neuen Sy-
stems Landwirthschaft treiben, Rechnungen machen, Pachtverträgeausstellen, kurz eine ähnliche prosaische Thätigkeit üben, wie sieFriedrich der Große als Kronprinz sich hatte gefallen lassen müs-sen und wie dort der anfangs widerstrebende Geist sich all-mälig in die engen Formen fügte und am Ende die zähe, aus-dauernde Arbeit lieben lernte, so hier: der junge Mirabeau fand
sich in die neue Rolle. Er selbst glaubte nicht an die alleinselig-machende Kraft der neuen Landwirthschaft, lachte wohl über desVaters doktrinäre Verrannthcit, der über seine Liebhabereien ineinem Maße kindlich naiv denke, wie es seinen Jahren nicht ent-spreche — aber er sah, das war der Weg, sich eine Stellung inder Welt zu schaffen und so hielt er eine Zeitlang aus. Dasallein konnte des Vaters Herz etwas milder stimmen: er schien inder That fast versöhnt, aus seinen halb unfreiwillig anerkennen-den Briefen spricht Etwas wie Bewunderung für die Gaben unddie Haltung des jungen Mannes, der in seinen Augen bisher einverlorener Sohn gewesen war. In den Briefen an den Oheimäußert er sich in einem Ton, der, wenn man ihn kennt und seineeigne Schreibweise berücksichtigt, fast zärtlich zu nennen ist. Soheißt es im Mai 1770: „er arbeitet wie ein Sträfling, um sichdas Gut Mirabeau in den Kopf zu bringen, er beißt gehörig an,schreibt dicke Hefte voll. In meinem Leben habe ich keinen soflinken und fleißigen Schreiber gesehen — er ist so zu sagen einüberheizter, zugesperrter Backofen. — So ist er leicht in Ge-fahr, anmaßend zu werden, um so mehr, da er nothwendig seineUeberlegenhcit fühlen muß, nicht bloß seinen Altersgenossen, son-dern auch viel älteren Leuten gegenüber. Der Zügel der Furchtfehlt ihm ganz." Im November 1770 schreibt er: „eine schrecklicheTheurung und Hungersnoth bedrängt unsere unglückliche Provinz,Honorö hat Arbeiten für die Armen eröffnet und handelt wie einMann; er arbeitet mit ihnen, ißt mit ihnen an einem Tisch, lebt