148
Erster Abschnitt. K. 5.
bereits moralisch bloßgestellt, nun auch den Zauber des Schreckensverloren hatte. Niemand fürchtete sie mehr, die Nationalversamm-lung hatte den Thron eingenommen.
Hosintrignen und Ministerwechsel.
Einen Weg gab es noch, nicht Alles, aber Vieles wieder gutzu machen: wenn jetzt der König sich rasch entschlossen hätte, ausdieser mächtigen Versammlung, wie Mirabeau schon am l<>. Junigerathen, sich die einflußreichsten Männer zu Ministern zu wählenund mit der Mehrheit zu regieren.*) Aber daran dachte im Schlosse
*) Ueber Mirabcan's Pläne und Ansichten seit dem >0. Juni bis znEnde des Monats fügen wir aus Häusser's Aufzeichnungen Folgendes bei:
In der Unterredung mit Malouet iam 10. Juni), der ihm eine Zusam-menkunft mit den Ministern Necker und Montmorin erwirken sollte, und auchin der That, freilich ohne Erfolg erwirkt hat, äußerte er: „Ich habe eineAuseinandersetzung mit Ihnen gewünscht, weil ich in Ihnen bei aller IhrerMäßigung einen Freund der Freiheit erkenne und weil ich vielleicht mehrals Sie entsetzt bin vor der Gährnng, die ich in den Gemüthern beobachte,und vor dem Unheil, das daraus entspringen kann. Ich bin nicht der Mann,um mich schnöde an den Despotismus zu verkaufen; ich will eine freie,aber monarchische Verfassung. Ich will die Monarchie nichterschüttern und sehe in dieser Versammlung soviel böse Köpfe, soviel Un-crfahrcnheit und Erhitzung, in den ersten Ständen eine so unüberlegte Wi-dersetzlichkeit und Verbitterung, daß ich, wenn man nicht bald ein Ziel setzt,ebenso sehr als Sie, die grauenhaftesten Erschütterungen befürchte. Ich wendemich darum an Ihren redlichen Sinn; Sie sind näher mit den Herren Neckerund Montmorin bekannt; Sie müssen wissen, was sie wollen und ob sieeinen Plan haben; ist der Plan vernünftig, so werde ich ihn unterstützen."I>lvm. äo blirab. Vl. S. 6l>.>
Dann sagt Mirabeau Ende Juni lUaoonrti llorrosponäanvv äo Iklira-boau avev Is oomte äs la blarcü. 1'aris k85l I. 9l ff.) aus die Frage, wie dieDinge gehen werden: „Zum Unheil Frankreichs. Soll es gerettet werden,so muß ohne Säumen das einzige zutreffende Mittel angewendet werden.Das System, das jetzt befolgt wird, ist abgeschmackt und wahnwitzig. Manüberläßt die Versammlung sich selbst und schmeichelt sich, sie ent-weder mit Gewalt zu unterjochen, wie die aristokratische Partei sich vermißt,oder sie durch die leeren schwülstigen Redensarten des Herrn Necker zu zäh-men, währcnd di« Regierung darauf ausgehen müßte, sich inihr eine Partei zu bilden mit Hilfe der Männer, die dieKraft haben, sie zu lenken, sie fortzureißen und zu zügeln."