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wird. Manche die im gewöhnlichen Geleise des Lebens Nichtszu sagen hatten, und gehorchen mußten, finden Gelegenheit sichauszuzeichnen, und über Männer, die durch Reichthum oder Ge-burt früher ein beneidetes Ansehen genossen, emporzusteigen. Soerhält das Wohl des Ganzen zwei mächtige Verbündete: denEhrgeitz Vieler, und den immer wachenden Neid der Armen ge-gen die Glücklichen. Mag auch der Magistrat, wie in Stral-sund, insgeheim dem Willen der Menge widerstreben: er ist dieMinderzahl, und wird von zu vielen eifersüchtigen Augen be-wacht, als daß er durchdringen könnte. Freilich mußte, so scheintes, die Gemeinde Magd eb urgs ebenso sehrRettung der Stadtwünschen, als der Magistrat, denn mit der Stadt stand oderfiel das Volk. Dieß ist wahr. Aber ein drittes, das Zusammen-wirken störende Element hatte sich eingedrängt — wir meinen denAdministrator. Der Rath unterstüzte diesen weil er durch dasAufkommen desselben eigene Interessen zu befördern hoffte. An-ders die Gemeinde. »Sollen wir uns in Lebensgefahr stürzen,sollen wir unsere Beutel angreifen, oder nur die Hand rühren,um einem fremden Prinzen, der uns gar Nichts angeht, der denBürger gering achtet, und seine Freiheiten beneidet, Land und Leutezu erwerben! So wird man aus den Zunftstuben gesprochen ha-ben. Abneigung gegen die gemeinsame Sache war die Folge da-von, bald gewöhnte man sich, sie als eine fremde zu betrachtevi.Der Rath handelte seiner Seils, wie aristokratische Körperschaftenimmer thun. Er nahm unzählige Rücksichten. Daher kams, daßdie Reichen sich auf den Wällen durch Taglöhner vertreten lassendurften, daß derselbe Posten immer demselben Stadtviertel ange-wiesen wurde, nämlich der am mindesten gefährliche dem reich-sten, und so in einer Abstufung fort bis zum bedrängteften, derden armen Leuten blieb. Denn der Magistrat hatte seine Ver-wandte, die man billig schonen mußte; sonst gab es Familien-zwiste. Falkenberg mußte die Augen zudrücken bei diesem Un-fuge, weil er ganz von der Unterstützung des Rathes abhing.Hieraus entstand neuer Anlaß zu Klagen. Allmählig sah dasVolk die Vertheidigung der Stadt Magdeburg als ein Glück-spiel an, das der fremde Prinz und sein Verbündeter, der Ma-gistrat auf Rechnung seiner Ländergier trieb. Man hielt es fürbillig, an die Spekulation des großen Herrn eigene kleinere an-zuknüpfen, die freilich sehr schändlich und der Stadt nachtheiligwaren. Eine Menge Zwischenträger verriethen dem Feindedraussen Alles, was in der Stadt vorging. Allerdings erhieltendie Verräther beim Sturme den gebührenden Lohn. Sie wurdenso gut erwürgt, als die Verrathenen. Aber Magdeburg fieleben durch die Gleichgültigkeit der Masse, welche auch den Verrathzur Folge hatte. Uns scheint, Gustav Adolph habe einen politischenFehler begangen, indem er bei dem Plane, Rath und Bürger-schaft der Stadr Magdeburg in ein schwedisches Bündniß zu
Gsrörer, Gustav Adolph. 52