Jahrhundert, XlV. Capitel. 495
trauen bey jedermann erwerben; und wie die Redlichkeitund Aufrichtigkeit, Uneigennutz und Billigkeit die einzi-gen Mittel dazu sind, so muß er ein vollkommen ehrlicherMann seyn. So muß ein Staatsminister beschaffenseyn, der seinem Volke dienlich seyn will. Als ein Manndes Staates, hat er einen ganz andern Charakter anzu-nehmen und zu behaupten. In seinem Umgänge mit denfremden Mächten, muß er die Mine haben, davon ein-genommen zu seyn , daß die Gesetze der bürgerlichen Ge-sellschaft fast nichts mit den Gesetzen des Staats gemeinhätten. Er soll innerlich überzeuget seyn , daß das In-teresse der einzige Grund, und die Furcht das einzigeBand von allen politischen Handlungen und Verbindun-gen seye. Er muß wissen, daß er, wann er allezeit dieEigenschaften und Verrichtungen des Staatsmannes denTugenden und Pflichten eines Bürgers unterziehen will,sich Fesseln anlegen wird, die ihn zu einem ungleichen undnachtheiligen Kampf mit seinen Gegnern zwingen wer-den: daß er oft übereilet, in Verwirrung gesetzt und be-trogen von denen, mit welchen er zu handeln hat, werdenkann, und durch die Unbeweglichkeit in seiner Redlichkeit,den Staat ins Verderben bringen wird, den er zu ver-theidigen die Pflichten auf sich hat; und daß endlich seinebürgerlichen Tugenden, indem sie zu einer reichen Quellevieler, der Staatsklugheit widrigen, Vernehmungen wer-den, seinem Staate viel größeres Unheil zuziehen können,als verschiedene Laster bey mehrerer Biegsamkeit nicht wür-den verursachet haben.
Der Staatsminister ist von der bürgerlichen Gesell-schaft selbst über alle seine Mitglieder hinauf gehoben;und indem sie ihn, so zu sagen, ausser ihren Umfang se-tzet , damit er auf die auswärtigen Feinde ein wachsamesAuge haben möge, so überhebet sie ihn der vestgesetztenRegeln, die auf die einheimischen Unternehmungen ge-richtet sind. Die Redlichkeit und die Aufrichtigkeit, dieso hochgeschätzten Tugenden eines Mannes für das Volk,
sind