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Monatschrift für Helveziens Töchter / von Leonhard Meister
Entstehung
Seite
80
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kalten Temperaments ist, so ist sie Zicrerey, sie istentweder Stolz überhaupt, oder Stolz, der sich mithöhcrm Anstaube und feinerer Züchtigkcit bläht.Die Sprödigkcit, möchte ich sagen, ist die unächteSchwester oder die Nachäffcrin der Schamhaftigkeit.Die Schamhaftigkeit weicht jede entehrende Aüsserungder sinnlichen Triebe und Schwachheiten aus. Auchbey der Coketteric, bey der gesitteten und schuldlosennämlich liegt sie nicht weniger zum Grunde als beyder Sprödigkcit. Und worinn denn unterscheidetsich die Spröde von der Cokctte? Wenn jene sichin dem Kriege der Liebe bloß auf Verthäidigung ein-schränkt, so versucht diese hingegen bald einen Rück-zug , bald einen Angriff. Q daran liegt alles,wie sie sich bey dem Angriffe benimmt. Je nachdemsie sich dabey entweder kühner oder bescheidene»Schritte, entweder offener oder versierter Wege, ent-weder eines leisen oder eines geräuschvollen Gangesbedienet, je nachdem würdigt sich die Cokctte zurBuhldirne berat», oder sie erhebt sich zur Beherrsche-rinn der Herzen. Beym Anschlag auf diese, zieht siedie Weisheit zu Rathe: bevor sie auf einen Angriffbedacht ist, sezt sie vorerst ihr eigen Herz in Sicher-heit; sie wählt sich ausschliessend einen würdigenGegenstand, und zur Eroberung desselben die schick-lichen, keine unedcln Kunstgriffe aus; sie treibt ihrSpiel so im Verborgenen, daß, selbst ihr Angriff nurUeberfall scheint.

Warum bey allen Völkern fällt gewöhnlich das