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Himmel weiß, ob ich an alles dieses je gedacht habe!Sokrates: Nichts desto weniger liegt an der Art,wie man einen Menschen zahm macht, sehr viel.Mit Gewalt hascht und erhält man ihn nicht. Einsolches Wild läßt sich nicht sangen und fesseln, alsnur in wiefern man ihm liebkoset. Theodore: AlsMeister, sprichst du. Sokrates: Also fürs erste for-derst du von den Liebhabern nichts, als was sie ohneSchwierigkeit und mit Lust thun. Hernach vergü-test du ihnen die Achtsamkeit durch Gegcnachtsamkeir.Nur so gewinnst du sie, und hältst sie treu in demDienste. Lebhafter bezauberst du sie nie, als wenn dudas, was du zu bewilligen bereit bist, ihnen nur nachdem äussersten Zubringen bewilligst. Du siehst ja,daß ohne Reitzung der Eßlust das niedlichste Gerichtohne Geschmack bleibt. Du siehst, daß es nach derSättigung so gar Ecke! verursacht. Einem hungri-gen Magen hingegen schmeckt selbst ein schlechtes Ge-richt. Theodote: Und wie fang ich es an, denAppetit zu erregen? Sokrates: Vor allem aus leg'nichts zur Schau, so lang der Magen noch angefülltbleibt. Alsdenn aber, wenn die Lust wieder reg ist,so reitze sie noch stärker durch freundliches, aber sitt-sames Benehmen. Indem du dich geneigt stellst,suchst du immer Verzögerung, und treibst das Spielso lange, bis der Trieb den höchsten Grad erreichthat. Mit einem Worte, du giebst dir die Mine,als kennest du kein Vergnügen, ausser demjenigen,das du dem Freunde verschaffest. Theodore : Ge-