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Monatschrift für Helveziens Töchter / von Leonhard Meister
Entstehung
Seite
114
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Pompeia Paulina.

Noch stör jung hatte sich diese edle Römerin mit den«alten Seueka vermählt. Der ehrwürdige Greis er-hielt von seinem ehmaligen Zöglinge, dem KaiserNero, sein Todesurtheil. *) Nach eigener Willkührkonnte er die Todesart wählen. Gelassen ergab ersich in sein Schicksal, und forderte Papier zur Verfer-tigung des Testaments. Der Hauptmann der Wacheschlug es ihm ab. Seneka wendete sich an Die um-stehenden Freunde :Da ich Euch, sprach er,,, zum Andenken nichts anders zurücklassen kann, so wiedme ich Euch in dem lezten Willen mein thcuer-,, stes Gut, ich meyne das Bild meines Lebens.» Bewahrt es, ich bitte, in dem Innern des Her-,» zens. Auf solche Weise behauptet Ihr den Ruhm« ächter aufrichtiger Freunde. Bey ihren Thränenund Wehklagen ermunterte er sie bald mit freundli-chen Worten, bald mit väterlichein Ernste:Sind,, sie verflogen, rüste er aus, jene Vorschriften der Weisheit? Sind sie zertrümmert, die Schilde , womit uns die Vernunft gegen die Pfeile des Zu-,» falls bewaffnet? Befremdet sie uns, die Grausam-keit des Nerv? Was durft' ich für meine Person von demjenigen hoffen, der seine Mutter und sei-,» nen Bruder ums Leben gebracht hat? Warum seines Erziehers und Lehrers sollte er schonen 7

*) Lacitus Annalen XV, 6i, 6».