7 -
Zweytes B tr ch,
rige Beobachtung langsam entstanden, und durchdie vereinigten Kräfte der grösten Geister erst zu demGlänze erhoben worden , den sie in unsern Tagenvon sich straft. Ein Practicus kann nicht einmal inseinem ganzen Leben so viele Beobachtungen machen,alsHipvocrates nnd Boerhaave bey einer Regel vonzween Sprüchen zum Grunde setzen.
Hingegen lernen wir durch das Lesen in wenigJahren was unsere Vorväter seit dem Anfang derDinge gewußt haben. In einem Tage begreifenwir die Entdeckungen , worüber die Ersten Erfin,der Jahrelang gearbeitet haben. Mit dem schönstenGenie müßte der Arzt die Fehler seiner Vorgängervon neuem begehen, eh er zu dem Bisgen Wahrheitgelangen könte, das dem Golde in unsern Flüssengleich unter unermeßlichem Sande liegt. Er durch-wült nicht mehr diesen Sand, aber er macht sich durchedlere Bemühungen verdient dieses Gold aus denHänden seiner Besitzer zu empfangen; die blosse War-nung von Irrungen ist für ihn der erste Schritt zurKenntnis. Mit seinem Genie vereinigt er die Wis-senschaft aller Zeiten , und thürmet Wahrheit aufWahrheit, wie die Niesen in der Fabel den Ossa aufden Pelion.
Unser Leben ist zu kurz, der Anfang der Arzney,kunst ist zu groß, alles zu sehen und zu erfahren istunmöglich. Die Geschichte muß die Beobachtun-gen einer langen Zeit sammeln, damit durch ihrenVorschub die Wissenschaft vieler Menschen aus vie-len Jahrhunderten in einen Kopf zusammen flieste.