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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / Joh. Georg Zimmermann
Entstehung
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91
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Zweytes Buch,

IV. Capitel.

Von dem eigentlichen Charakter derGelehrsamkeit des Arztes.

-Nur wenige Gelehrte sind wahrhaftig gelehrt. DieKenntnis der meisten verhält sich wie das Gold indem Schranke eines Geitzigen. Es würde nützlichin bessern Händen, in diesen liegt es tod.

Man muß die Gedächtnisgelehrsamkeit (Lrucli-tlor.) von der wahren Gelehrsamkeit (8cience ) sorg-fältig unterscheiden. Ein Gedächtnisigelehrter (unLruäit ) kann unendlich gelehrt und unendlich dummseyn ; ein wahrer Gelehrter (un Lavam) verbindtmit der ausgesuchtesten Kenntnis den aufgeklärte-sten Verstand. Er ist nicht nur der Wissenschaftendie von Vernunftschlüssen abhängen kundig, sonderner hat überhaupt seine ganze Kenntnis durch diePhilosophie geordnet, und weis alles was er be-hauptet aus unwidcrsprechlichen Gründen darzuthun.

Die blosse Gcdächtnißgelchrsamkeit ist ein eiteles,verworrenes, widersprechendes und unverdautes Ge-misch von gutem und nichtswürdigem, von vortref-lichcm und elendem, das die Köpfe füllt ohne denVerstand zu erweitern , das den gelehrten Taglöh-ncr reich an ungenutztem Zeug und arm an Begrif-fen , groß im kleinen und klein im grossen macht.Die Gedächtnißgclehrten vergehen durch ihr lesen