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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / Joh. Georg Zimmermann
Entstehung
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112
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erstes Capitel. 99

Gesicht zu geschwindem , deutlichem und bestimm,tem sehen.

Der einzige Weg alles zu entdecken was in einemGegenstände liegt, ist freylich ihn stucksweise zu un-tersuchen und seine Theile solange zu zergliedern ,bis der ganze Gegenstand so einfach wird, daß manihn weiter nicht zergliedern kann. Aber auch dieseZergliederung hat ihre Grenzen. Ein allzufeinesGefühl führt zu Beobachtungen, die wie die Spinn-weben fein und unnütz sind. Diese ausserordentli.che Empfindlichkeit stürzt aus dem Reiche der Sa-chen in das Reich der Wörter. Wer im beobach-ten allzuspitzfindig seynwill, steht freylich Sachendie andere nicht sehen; aber indem er diese Sachenweiter zerleget und jeden zerlegten Theil in tausendandere auflöst, fällt er von dem was ist auf daswas nicht ist. Seine Blicke dringen tiefer als dieSachen selbst sind, auf die er sieht. Nichts ist da-rum der Gestaltung klarer und deutlicher Begriffeso sehr hinderlich als diese Spitzfindigkeit, welchezwar immer die Einbildung rührt, und niemals denVerstand. Wer Dinge sehen will die sind, muß siemit Dingen vergleichen die auch sind : wer mit ei-nem Wolmar die allerkleinsten Schattirungen derLeidenschaften iu dem Herzen der Menschen sehenwill, muß erst zeigen baß es dergleichen Schattirun.gen giebt. Wer nicht vorzüglich bemühet ist , daswahre in den Sachen von demjenigen abzusöndernwas die Einbildung hinzuthut, wird freylich in den-selben eben so feine Unterscheidungen machen als