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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / Joh. Georg Zimmermann
Entstehung
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117
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r°4 Drittes Such,

weist sehr geschäftig und daher auch sehr ungedultigist« Allein man darf eben nicht immer geschwind se-hen,wenn man mir wohl steht. Was ein Mensch mitdem höchsten Grade des Beobachtungsgeistes aufeinmal steht, bemerket ein andrer mit einem gerin.gern Grade nach und nach. Wir müssen nach demMaassc unserer Fähigkeiten beobachten. Es ist un-endlich vortheilhaft, daß auch derjenige der den Be-obachtungsgeist in dem höchsten Grade hat, bey ei.nem Vorwürfe so lange verweile als derjenige derihn in geringerm Grade hat; wie länger er beobach-tet dcstomehr steht er; wie weniger er eilt desto ge-schwinder komt er zum Ziele. Der gröstc Geistsieht eine Sache niemals so geschwind, als ein ein-geschränkter Kopf sie zu sehe» glaubt. Colbertsprach sehr wenig , er gab niemals auf der StelleAntwort, und ließ sich immer schriftlich unter,richten.

Obschon man mit dem Auge der Seele allmäh-lig muß sehen lernen wie mit den Augen des Kör,pers, so äussert sich doch zuweilen der Beobachtungs-geist als ein wahrer Jnstinct. Ohne die durch dieUebung erworbene Fertigkeit faßt er zuweilen dasunterrichtende in einem Vorwürfe plötzlich , und be-greift es plötzlich. Ich wolle einst das Urtheil ei,ues Frauenzimmers über ein sehr wichtiges histori-sches Gemälde wissen, das einen grossen Italiänerzum Urheber hatte, und davon das rührende in we-nigem verborgen lag. Dieses Frauenzimmer hatteohne von Gemälden eine Kunstverständige zu seyn