i°8 Drittes Buch,
untersten Stufen bis an das höchste Ideal zu be-stimmen.
Der vollkommenste Beobachtungsgeist in den Kün-sten grenzt an das Wunderbare. Raphael war an.sanglich fast nur ein mittelmäßiger Maler , er stieltsich in die Capelle des Sirtus im Vatican, siehetauf einen Augenblick die Abbildung des ewigen Va-ters von Michael Angelo, er wird von der edlenIdee feines grossen Nebenbulers fo sehr gerührt,daß er sie ganz begreift und in einem Tage geschicktrst seinen eigenen vorher nur mittelmäßigen Abbil-dungen des ewigen Vaters eben den Charackter derGrösse, Hoheit und Göttlichkeit zu geben.
Die gleichen Betrachtungen haben in Absicht aufden Beobachtungsgeist in dem menschlichen Lebenplatz. Ich bemerke oft daß ein Mensch der unfähigist ein moralisches Gemälde, eine Zeichnung vonHogarth in ihrem wahren Lichte zu sehen, Such un.fähig ist einen Charackter oder eine Handlung in demmenschlichen Leben in ihrem wahren Lichte zu se-hen. In benden Fällen mangelt ihm das Ge-fühl welches die natürliche Tüchtigkeit zum sehenausmacht.
Ohne dieses Gefühl sieht man in keinem Menschennichts. Die Samen der erhabensten Talente zeigensich schon in der Kindheit, sie steigen nach und nachin ihre volle Blüthe, und endlich wachsen sie in dieschönsten Früchte aus. Indeß giebt es Leute dietäglich mit Leuten umgehen, von deren Talentensie nicht den geringsten Argwohn haben, weil man