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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / Joh. Georg Zimmermann
Entstehung
Seite
123
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Drittes Buch,

Vers sieht als der andre. Pythagoras , sagte einalter Philosoph, siehet die Sonne mit andern Au-gen an als Anaxagoras, jener als einen Gott, die-ser als einen Stein.

Andere sehen alles halb. Sie bemerken etwasund doch nicht genug, sie halten sich an einzele Thei-le und verfehlen das ganze; oder sie sehen nur wasgerade in die Augen fallt , und verfehlen das wastiefer liegt. Die Madonna des Raphael wäre fürsie ein anmuthiges Gesicht, Montesquieu ein witzi-ger Kopf, Haller ein geschickter Zergliedern und einsehr grosser Kräuterkenner.

Der höchste Grad des Bcobachtnngsgcistes in mo-ralischen Dingen scheint eben so bewunderungswür-dig als der höchste Grad des Beobachtungsgeistes inden Künsten. Die Fertigkeit in der Beobachtungder Menschen soll bey dem Socrates so erstaunendgroß gewesen seyn, daß sich auch bey den bedenklich-sten Anlässen ingeheim eine geschwinde, richtige,und mit einer mehrcntheils erfüllten Vvrhersagungbegleitete Verbindung in seiner Seele machte. Erhat nach dem Herrn Diderot die Menschen beur-theilt , wie Leute von Geschmack die Werke des Gei-stes , durch das Gefühl.

Unfere ganze Kenntnis ruht ursprünglich auf gu-ten Beobachtungen. Wir müssen von sinnlichen Ge-genständen unsere auögedähnteste Kenntnis abziehen,und wir gelangen durch das beobachten allein zu all-gemeinen Begriffen, das ist zu der von dem Pöbelso oft angetasteten , so seh? miskennten und verach-