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Von der Erfahrung in der Arzneykunst / Joh. Georg Zimmermann
Entstehung
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134
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erstes Capitel.

den alles sehen , wenn sie die nöthige Aufmerksam-keit hätten. Wer seine Augen nur auf eine Seiterichtet sieht nicht mehr als diese Seite, wer eineKrankheit nur auf einer Seite betrachtet kennt wirk-lich diese Krankheit nicht, weil er Theile für dasganze nimmt. Es giebt Gelehrte die andere Ge-lehrte Halbköpfe nennen, weil sie ihrem Geschma-ke, ihren Lehrgebäuden und Meynungen nur halbtrauen; ein Arzt der den Beobachtungsgeisi nur halbhat, ist mit mehrerm Rechte ein Halbkopf, weil erwirklich alles nur halb sieht.

Das ungleiche Maaß des Beobachtungsgeißes isteine Quelle der Zwistigkeiten der Aerzte / und dieseZwistigkeit der Vorwand der Ungewißheit ihrer Kunst.Jeder denkt anders als der andre, weil jeder anderssieht als der andre. Ein Arzt der wohl sieht, ent,deckt alle Umstände einer Krankheit, er kennt ihreZeichen, ihren Fortgang, ihr Wesen , ihren Aus-gang, und weis von diesen Beobachtungen zu ihrenUrsachen zu steigen. Er setzt seine Mittel der Haupt-krankheit entgegen , und läßt die Zufälle fahren,weil die Zufälle von selbst weichen, wenn die Haupt,krankhcit weicht. Ein Arzt der nichts sieht verläßtsich auf seine Recepte, und scheint immer bey sichselbst zu denken , dieser oder jener Practicus warauch dumm und doch glücklich. Unfähig eine Krank-heit aus ihren Zeichen zu kennen und ihre Ursachenzu entdecken, giebt er in der Bleichsucht das kühlen-de Recept weil die Jungfer Fieber hat, unwissenddaß ;nan dieses und andere Fieber durch stärkende