Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
13
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So öfter jetzt auf der Gaffe sich zeigte, vonAdjutanten umgeben, welche ihrem General dietiefste Ehrerbietung bezeigten, eilten Alle an Thü-ren und Fenster und manch' ehrsamer Bürger,der sich nicht zu entsinnen wußte, den Studen-ten Sterneck jemals gegrüßt zu haben, zog, vonunfreiwilligem Ehrfurchtsschauer ergriffen, denHut vor dem Generalanführer, dessen ernst be-fehlender Blick so überraschende Höflichkeitenohne Zweifel hervorrief, denn bevor die MengeZeit zum Besinnen erhielt, hatten sie grüßendPlatz gemacht. — Walberg, die zweite Ercel-lenz, ein feiner junger Blaun, mit einem blei-chen interessanten Gesichte, lehnte alle Ansprücheentschieden von sich ab, und wurde aus die-sem Grunde auch so völlig in den Hintergrundgestellt, daß nur von General Sterneck die Redewar, sein Genosse im Range blieb fast unbe-achtet. Hin und wieder äußerte freilich ein Fa-milienvater sein Wohlgefallen an der gesetztenBescheidenheit desselben, die schönen Augen derTöchter aber folgten der Spitze des Zuges,wo der Federhut des Anführers die wogendeMenge überragte.

Mit feierlichem Gottesdienst begann die Be-gehung des eigentlichen Festtages, und als Ster-neck an der Spitze der Seinen die Kirche be-trat, vollendeten die einfache Andacht seines Aus-druckes, die ^nste Würde seiner Haltung denEindruck, welcher in manchem jugendlichen Her-zen sich vorbereitet. Zwei schöne Augen fan-den im fast unfreiwilligen Zuge über das Ge-betbuch den Weg zu ihm hin, und durch ge-heimnißvolle Magie geleitet, verkündete sein tie-fer Blick im raschesten Fluge Gruß und Er-kennung. Die Schöne senkte die Augen aufdas Buch in ihren Hansen nieder, die vollen,herrlichen Orgeltöne, der kräftige Gesang derzahlreichen Versammlung klang ihr als ein Ju-belruf der Andacht und der Liebe; in ihremHerzen war Beides, und sie pries, ein seligesGeschöpf, den Herrn der Welt, welcher, dieSeele befähigte, so viel Glück zu erfassen undzu empfinden.

Für den Abend eines so festlichen Tageswar ein Ball von den Studirenden vorbereitet,und da derselbe auf gewisse Weise für einVolksfest gelten sollte, sahen auch die Töchtereiniger begünstigten Handwerker sich nicht da-von ausgeschlossen. Sehr verschiedene Beweg-gründe riefen eine so loyale Maßregel in's Le-ben, und theils dem Ganzen einen zwanglosemAnstrich zu verleihen, theils um die große Zahlder Geladenen bequemer unterbringen zu können,wurde eine, in Mitten anmuthiger Parkanla-gen belegene Wirthschaft, um ihrer Räumlich-keit willen, zum Festlocal auserfehcn. Pech-

kränze erleuchteten den Weg durch die dunkleNacht der Gebüsche bis zum glänzend erleuch-teten Hause, wo die jungen Festgeber ihrerGäste harrten.

Slerneck stand, von Adjutanten umgeben,hoch aufgerichtet in der Mitte des Saal's, wovon den Ehrencavalteren alle Fremde ihm zu-geführt und genannt wurden; selbst die Da-men leitete man, so lange das Gedränge es ge-stattete, mit scheinbar zufälliger Schwenkung,an dem General vorüber, der sie sodann sehrhöflich, aber mit einiger Würde begrüßte, wäh-rend Walberg, mit verschränkten Armen, nach-lässig in ein Fenster lehnend, das Ganze mitsinnigem Lächeln überblickte. Plötzlich jedochaus dieser Stellung auffahrend, übergoß feineNöthe sein Antlitz, sein Blick, eine zierlicheMädchengestalt streifend, richtete im raschenUebergange sich auf Sterneck, und wähnte,durch Eifersucht geschärft, im Ausdruck dessel-ben leidenschaftliche Bewegung wahrzunehmen.

Professor West war zugleich mit seiner lieb-lichen Tochter eingetreten, und die Höflichkeitder jungen Leute mit der lässigen Gravitätentgegen nehmend, womit er sie im Hörsaal,oder in seinem häuslichen Kreise zu empfangenpflegte, nahte er dem General, diesem nriteiniger Herablassung die Hand bietend. Es warein Augenblick der Erwartung für Viele, alsaber jener, ruhig sich verbeugend und einigebegrüßende Worte an den Professor richtend,die dargebotene Rechte nicht zu gewahren schien,hätten hundert jugendliche Kehlen laut aufjauch-zen mögen, und Walberg, der hinzu getreten,flüsterte leise: Nein, er liebt sie nicht, er kannsie nicht lieben!

Während des Festes boten dem ruhigen Be-obachter die wunderlichsten Zustände sich dar;Sterneck benahm sich mit demjenigen Anstande,mit dem etwa ein Fürst, der ähnliche Feste giebt,den Versammelten oft gegen seinen Willen fühl-bar macht, wie er aus freiwilliger Herablas-sung sich höflich zu ihnen geselle. Es war un-möglich nicht darüber zu lächeln, aber eben sounmöglich, ihn in dieser zwanglosen Hoheitlächerlich zu finden, in sofern man auf denStandpunkt sich zu versetzen verstand, auf dener, durch seine Umgebung begünstigt, sich sel-ber gestellt. Die Augen der jugendlichen Da-men waren fast nur auf ihn gerichtet, jedeAufmerksamkeit wurde beachtet, jeder sichtlicheVorzug ein wenig beneidet.

Zwei junge Männer hatten in ein Fenstersich zurückgezogen, von dort die fröhlich belebteMenge überschauend: Ich beneide, äußerte derEine, Sterneck nickt um seine Stellung, aberum die Art und Weise, womit er dieselbe zu

genießen versteht. Zum Ldchen ist es, wie dieAdjutanten auf jeden Wink fliegen und rennen,und die Mädchen! wir sollten einmal wagen,uns solch' Ansetzn zu geben!

Der sehr kleine junge Mann, an den dieseWorte gerichtet waren, hob sich auf die äußersteHöhe der Fußspitzen empor: Srerneck ist einMenschenkenner, denn nur wer sich hoch hält,wird hoch gehalten. Die sehr unpassende Zu-vorkommenheit der Damen wird übrigens nichtungeahndet hingehen, denn, fest entschlossen kei-nen Tanz mehr mitzumachen, werde wenigstensich es sie empfinden lassen, wie ich mich un-gerügt nicht übersehen lasse.

Das Wort „übersehen" lockte ein Lächelnaus die Lippen des hochgewachsenen Gefährten,welcher mit einem billigenden Neigen des Haup-tes unendlich schalkhaft auf jenen herab blickte.Sehr gespannt bin ich, entgegnete er, ob Ster-neck die ganze Gunst des Augenblicks zu be-nutzen verstehen wird. Hätte er z. B. die Ab-sicht seine Schwester günstig zu vermählen, sobedürfte es in diesem Augenblicke ja nur einerAndeutung an einen der Adjutanten und dieSache wäre abgemacht.

Der Andre lackte: Ich möchte ihm rathen,vorläufig an sich selber zu denken und heuteAbend seine Bewerbung bei Fräulein West an-zubringen; morgen würde ich die Sache schonfür bedenklicher halten. In seiner glückseligenEitelkeit gewahrt er indessen nicht, wie es dieUmstände sind, welche ihn heben und tragen.

Indem näherte Sterneck sich einer jungen,den Sprechenden zunächst befindlichen Dame, sieum den folgenden Tanz zu ersuchen; vor freu-diger Ueberraschung erröthend, erwiederte diesehöchst befangen, daß ihre Zusage einem derHerren Adjutanten bereits gegeben sei. JenerGlückliche stand zufällig neben seinem General,und von diesen: sehr ernst und fragend ange-blickt, äußerte er bestürzt, wie von ihm bei die-ser Angelegenheit durchaus keine Rede mehr seinkönne. Mit lässiger Verbeugung diese Höflich-keit aufnehmend, entfernte sich Sterneck und diefrüher erwähnten jungen Leute überließen sichdem unbefangenen Ausdruck lebhaft angeregterHeiterkeit.

Ich würde Altes begreiflich finden, flüsterteder Eine, wären es nur Handwerkertöchter; aberso sind die Frauen! Für Täuschung nur zuempfänglich, ist ihnen die Gabe verliehen, injedes Mährcken ganz selig sich hinein zu träu-men, und so erblicken sie jetzt in unseren: ver-ehrlichen Genossen einen hochgestellten, bezau-bernden Mann.

Der Ball hatte sein Ende erreicht, der An-brach des schönsten Sommermorgens mahnte