Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
15
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des: O, deshalb nicht — aber Du hast gewißzu Hause geraucht, bevor du ausgingst. —Sehr verwundert blickte er sie an: Na-türlich! wann sollte ich denn sonst.? Bei Dirdoch nicht? —>

Es ist aber doch häßlich!

Nach solcher Einleitung konnte diese zweiteZusammenkunft nicht ganz so poetisch aus-fallen, als man hatte erwarten dürfen; Ster-neck war ungewöhnlich ernst und die Wolkenauf seiner' Stirn gaben ihm das Ansehen, dietändelnde Zärtlichkeit seiner Braut mehr anzu->nehmen als zu erwiedern. Von ihrem Em-pfang auf erkaltende Weise beleidigt, fühlte ersich wenig geneigt, ihrem noch fast kindlichenMer ein an's Kindische streifendes Gefühl zuGute zu halten, denn wer wäre jung undwünschte nicht, eben in der Blüthe der Jugend,um seiner selbst willen, abgöttisch geliebt zuwerden.

(Fortsetzung folgt.)

Physiognomie der Zeit.

Epigramme von F. von Sallet.

So meint Ihr, keine Wunder geschehn,

ES kranke der Himmel an Aermlichkeit?

Das kühnste Wunder, das Je gesehn,

Ist unsre eigne Erbärmlichkeit.

Wenn du's mit Fleiß geschauet an,

Wie eine Metze liebäugeln kann,

Wirst du der Frömmler Augcndrehn,

Gleich auf den ersten Blick versteh«.

Jst's in dir noch nicht klar und rein,

Gieb uns Disharmonie.

Doch mußt du auch bedacht drauf sein,

Als Mann zu lösen sie.

Eine heitre Weltanschauung,

Das ist die schönste Gunst,

Die schafft uns zur ErbauungDas Höchste in der Kunst.

Nur glaube nicht jeder Lümmel,

Sie fall' ihm so vorn Himmel;

Wie erst nach Frühlingstürmen,

Nach dräuender Wolken ThürmenDer gold'nen Früchte SegenDem Sommer reist entgegen,

So kommt, nach Kampf und Spaltung,

Sie langsam zur Entfaltung.

Wer eine Zeit lang Skandal erregt,

Glaube nicht, daß er die Zeit bewegt!

Ist das wohl Gottergebenheit,

Daß man sich selbst ins Anllitz speit?

Sich selbst als niedern Wurm erkennen,Heißt das nicht Gott einen Stümper nennen?

Was ist das für ein thöricht Beten!„Herr! Dank, daß du nach so zertreten,„Und mich auf dieser Jammererden„Zum schlechten Lumpe ließest werden."

Wenn du was Ehrcnwerthes gethan,Will ich dir gern mit Ehrfurcht nahn,

Doch, weil ich's als Kind auswendig gelernt,Dich ehren, — davon bin ich weit entfernt.

Das ist die wahre Demuth nicht,

Daß man sich glaubt ein schlechter Wicht;Die achte Demuth der nur hegt,

Der achten Stolz im Busen tragt.

Das stets in Gott Zerflossensein,

Von Inbrunst Vollgegossensein,

Das süß faullenzcnee Verhimmeln,

Derweil die HauSgerathe schimmeln,

Ist nichts, ich sag's ohn' Witzelei,

Als matte Sinnenkitzclei.

Den jedes Pfaffen WortGleich reißt zu Thränen fort,

Der ist, wenn das Gefühl verpufft.

Zumeist ein Schwächling, und ein Schuft. —

Sehn die Weiber einen flennen,

Gleich ein gutes Her; ihn nennen.

Ost ist der Weiber AndachtglutNichts weiter als verliebtes Blut.

Der gute Mann! Sein Her; ist weich,Er ist so reu- und thränenreich.

Wie gern vergiebt man's, übt er gleichZuweilen einen Schurkenstreich.

Bläst einer auch die Backen aufPosaunend Psalmenmelodei',

Und dreht das Aug' zum Himmel 'nauf —Glaubt nicht, daß er ein Engel sei.

Ein Schuft ist um so schuftiger,Je tugendphrascndnftiger.

Wenn sich dein Geist im Sumpf gefällt,Antwortest du, verklagt:

„Es hat der weise Herr der WeltDie Schwingen ihm versagt."

Aristokratische Literatur.

1. Saint-Sylvan. Von A- von Stcrnbcrg.

Zwei Bände. Frankfurt a. M., Sauerländer.

1839 .

Man hat an der neueren deutschen Literatur dasüberwiegend demokratische Element hervorge-hoben und dieser Verdacht, sei er begründet oderunbegründet, ist großentheils die Ursache, wes-halb unsere Literatur mehr als jemals isolirt undohne Begünstigung dasteht, in einem Lande, indem gleichwohl die besten Lebenskräfte einzig undallein in die Literatur hineingedrängt werden,

ohne andere Auswege der Thatkraft. Ein grau-samer Zug unserer Zeit, daß sie am eifrigstendiejenige Blüthe heraustreibt, welche am sicher-sten bei ihr dem Tode verfällt. Die Zeit stößtunsere ganze Entwickelung in die Literatur hin-ein, und die Literatur geräth eben dadurch, weilsie der Träger einer universellen Entwickelungwird, in den ihr lebensgefährlichen Verdacht,den man endlich unter einem höhern Gesichtspunktauflösen sollte, um dem Streben des Geistes die Un-befangenheit wieder zu schenken. In Frankreich se-hen wir jetzt dieselbe Uebersülle von Literatur wiein Deutschland, aber unter schlimmern Sympto-men. Die französische Nationalkrast, die sich inden politischen Spiegelfechtereien der letzten Jahrezu sehr abgeschwächt und entsittlicht hat, setztsich in literarische Schöngeisterei um, die manjetzt in allen Formen und auf allen Gebietenwuchern sieht. Die heutige französische Litera-tur gleicht der polnischen Suppe, die im gewal-tigen Kochtopf beständig auf dem Feuer brodeltund in welche alle Ueberbleibsel des Haushalts,alle abgefallenen Brodrinden des Tages, alleNeigen, Schwarten und Strünke der ganzenWirthschaft hineingethan werden, um daraus denuniversellen Brei zusammenzurühren. So nimmtdie französische Literatur jetzt alle Augenblickeeinen andern Charakter an, je nachdem gerade,durch eine zufällige Mischung, ein besonderesIngredienz das vorschmeckende ist, und gegen-wärtig scheint dort sogar eine.religiöse Schön-geisterei, eine bigotte und katholische Belletristikzum Modeton der Tagesproduete zu werden.Die deutsche Literatur leidet an derselben Ueber-drängtheit der Lebensstoffe, indem auch bei unsalle Richtungen des Daseins sogleich zu Literaturwerden, und vor der Hand auch als Literaturverbraucht werden, die Lebenskraft, welche ihneninwohnt, in dieser Form an den Tag legend undanwendend. Dieser parlamentarische Charakterhat unsere Literatur in Mißgunst gebracht undbei den Regierungen wird daher jetzt häufig Li-teratur gleichbedeutend mit Demagogie erachtet.

Unter diesen Umständen haben gewisse lite-rarische Erscheinungen bei uns, welche sich vonvorn herein in einer mehr privilegirten Sphäreder Gesellschaft ansässig zu machen suchen, dasInteresse der Absonderlichkeit für sich. Entwe-der ist es ein irregeleitetes und mit sich selbstüberworfenes Talent, wie in den Romanen desHerrn von Sternberg, oder es ist geradezuder aristokratische Coterieengeist selbst, wie inden mittelmäßigen Produkten der Verfasserinvon Godwie-Castle, was der Literatur ge-wissermaßen ihren adeligen Charakter wieder-zugeben trachtet, durch ein Schaffen, das sichin eineni Kreise vornehmer Interessen abgrenzt