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erschöpft, antwortete Marie: „Ich bin mitAllem einverstanden, was Dir Frende macht.Aber nimm Dich in Acht, daß Du mir mitganzem Herzen wiederkommst." —- WenigeTage darauf saß ich im Wagen.
Der Anblick der ersten Bergspitzen derheimathlichen Gegend erregte in mir wehmü-thige Erinnerungen: frei, jugendlich, hoff-nungsvoll hatte ich sie verlassen, und kehrteheim, gealtert an Leib und Seele, statt derHoffnung einen engumschranktenBezirk, inner-halb dessen mein Leben für diese Welt gebanntwäre. Heftig erregt wie ich war, tratenmir die Thränen in's Auge: sie erleichtertendie Brust und nachdem sie versiegt, erwachtein mir ein Gefühl der sonderbarsten Art: ichwußte mir etwas damit, daß das geistige Le-ben, wenn auch mit ihm die Schmerzen wiedererwacht seien. Dies war doch ein Fortschrittnach der dumpfen Gleichgültigkeit, die michso lange mit ehernen Banden umschlossen hielt.Bald wurden jedoch alle Träumereien ver-drängt durch das heitere Gefühl der Gegen-wart, da ich meinen greisen Vater an denWagen treten sah, die Hände gefallen, Freu-denthränen im Angesicht: „Gott Lob, daß ichDich noch einmal gesund wieder sehe, lieberJunge —" er drückte mir die Hand, ich sprangaus dem Wagen ihm an die Brust. „Und Dusiehst ordentlich jünger, schöner und stärkeraus, als da ich Dich zuletzt gesehen. DieReise hat Dir wohl gethan." — Ja, rief ichaus, jeder Blick in die Heimath ist ein Tropfenaus der Lebensquelle: ich fühle mich verjüngt,wie um viele Jahre zurückgegangen.
Nachdem der erste Freudenruf des Wieder-sehens verklungen war, unterhielten wir unsruhiger über unsere nächsten Ereignisse. DieFrage nach meiner Frau wurde rasch von mirbeantwortet: sie befinde sich im Ganzen wohl.— Der zartfühlende Vater berührte dies Ge-spräch vorerst nicht wieder, in der Absichtwohl, mein Gefühl zu schonen, das sich so oftbrieflich in bittere Klagen über mangelndenEhesegen ergossen hatte. Vielmehr gedachtenwir beide der häuslichen Verhältnisse so wenigals möglich, da ich in diesem Punkte mehr-mals ablenkende Antworten gegeben und mitmeinen Gedanken, die edle Zurückgebliebenefast ganz vernachlässigend, nur in der Gegen-wart schwelgte.
Um die kurz zugemessene Zeit gründlich zugenießen, machten wir häufige Ausflüge innähere Lustorte, auch in entferntere Städt-chen, die Verwandten zu begrüßen und ihreGlückwünsche wegen meiner Genesung entge-gen zu nehmen. Längere Zeit verweilten wir
bei einem Vetter, dem ich von Jugend auf vonallen Verwandten am meisten zugethan gewe-sen, welches gegenseitige Freundschaftsbünd-niß durch mein Liebesverhältniß zuBertha nurbestätigt und befestigt war. Bertha wohnte indemselben Städtchen noch unverheirathet: mansagte sich heimlich von ihrer bevorstehendenVerlobung mit einem vornehmen Officier derResidenz, der, als leichtsinniger Schwärmerberüchtigt, schon manches Liebesabenteuer ebenso leicht zerrissen als angeknüpft haben sollte.Wie wurde mir, als eines Abends, da wir infröhlicher Gesellschaft versammelt waren, Ber-tha mit dem bezeichneten Officier in's Zimmertrat, zugleich die abgeschlossene Verlobungankündigend und mich erblickend, mit Geläch-ter auf mich zustürzte: „Ach da sind Sie jawieder! Wie ich höre, schon verheirathet?Dann müssen Sie mit der Frau aus unsereHochzeit kommen, alter Freundschaft wegen.Frau Gemahlin sind doch nicht eifersüchtig?Bin neugierig, sie kennen zu lernen." —
Die auffallende Art, wie sie die Allen un-erwartete Verlobung verkündigend und miteiner Art von Selbstgefälligkeit verbreitend,das Zimmer betreten, hatte mich stutzig ge-macht. Sonderbar bitter ward mir zu Muthe,als ich die einst Geliebte, Gott weiß durchwelchen Einfluß umgewandelt, gegen ihre sonstzurückhaltende Weife mit einer gewissermaßenfrechen Geschwätzigkeit die Gesellschaft von Ei-nem zum Andern durchhüpfen sah, nirgendlänger verweilend, 'als nöthig war, um einrasches aufforderndes Wort hinzuwerfen, ohnejedoch irgendwo auf Antwort zu warten. Biszum Unerträglichen wurde dieser Anblick ge-steigert, da ich den Bräutigam' ganz in ähn-licher Weise, nur männlich frivoler, sowohlmit der Braut als mit den übrigen Theilneh-merinnen der Gesellschaft gebühren sah. Ichkann nicht sagen, ob Wehmuth oder Entrü-stung in mir lebendiger wurde, da ich diefrüher über Alles Geliebte so in gleichgültigerEitelkeit untergegangen sah. — Die Gesell-schaft ging spät auseinander. —- Auf meinZimmer zurückgekehrt, fand ich einen Briefvon meiner Frau.
Diese Worte zu beschreiben, will mir nichtgelingen, denn einen Auszug ertragen sienicht, und sie ganz zu geben, verbietet mireine sonderbare Zurückhaltung, als wenn sie,auch dem innigsten Freunde mitgetheilt, ent-weiht werden möchten. Es bebte durch meinInnerstes, als sie mit leisen Vorwürfen übermein langes Stillschweigen beginnend ihre Ein-samkeit beklagte, bald aber mich völlig gene-sen wieder in ihren Armen zu fühlen hoffte.
Der gewöhnlichste Inhalt war durch eine wahr-haft zauberische Aussprache ihrer Gefühle ge-hoben: in der kunstlosesten Form war eine sowunderbare Tiefe des Gemüthes, eine solcheFülle der Liebe und des Vertrauens ausge-drückt, daß ich mich nie erinnerte, selbst beibegeisterten poetischen Darstellungen weder voneigener Hand noch bei gerühmten Kunstwerkenetwas Aehnliches empfunden zu haben. Undhier war die Wirklichkeit so hoch über allerDichtung, daß mir das alte Wort deutlichwurde: die Wirklichkeit ist tragischer als allePoesie.
Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.Mein Herz war im Augenblick wie umgekehrt,jede Spur von Bertha erloschen, wie ein HellesLicht brannte Mariens Bild in meiner Seele.Mit ganz neuer Stimmung schlief ich ein. ImTraume schien mir's, als träte eine himmlischeGestalt mit Mariens Zügen an's Lager, vollLicht und Glanz: die sprach nichts als dieWorte: „ lösch' aus, lösch' aus und Du wirstglücklich sein" — und verschwand. Als icherwachte, klangen mir die Worte immer nochin den Ohren. Die nächste Deutung, das Ge-dächtniß Berthas aus meiner Seele zu löschen,war natürlich, aber zugleich nach der wunder-baren Umkehr am vorigen Abend so überflüssig,daß ich in spottendem Uebermuth zu mir sagte:Dazu bedurfte es keines himmlischen Boten imTraum.
Wir reisten wieder in Vaters Haus zurück,ich völlig gestärkt und erneut, der gute Vaterdas Glück preisend, mich so wie in zweiterJugend aufblühen zu sehen. Die letzten Tageunseres Beisammenseins gingen froh und hei-ter vorüber: ich fühlte zum erstenmale Sehn-sucht in meine neue, nun erst völlig gewonneneHeimath in Mariens Armen. Mit dem Ge-fühle gänzlich hergestellter Gesundheit erwachteaber von Neuem der Schmerz über unsere Kin-derlosigkeit , diesmal aber in ganz andererWeise als früher, da ich anfing, die edelsteGattin mehr zu bedauern, als mich selbst.Ich konnte es nicht unterdrücken, dem Vaterdiesen Schmerz vertraulich zu äußern. Er,hocherfreut, daß der Gegenstand endlich zurSprache käme, der ihm von Anfang so sehram Herzen gelegen, gab allerlei väterlichenRath, fand die längere Trennung günstig und,hoffnungsreich, und rieth mir zuletzt, nocham Schlüsse meiner Anwesenheit einen älterenArzt zu consultiren, der durch seine Erfahrun-gen in dem fraglichen Punkte schon mehrerentraurigen Pärchen aus der Noth geholfen.Voll inniger frommer Rührung fügte er hinzu:„Vertraue auf Gott: der wird Dich nicht