Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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392
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verlassen. Er weiß, was Dir gut ist. Ich baueund hoffe auf ihn. Unser Geschlecht wird nichtuntergehen, ich glaube es, ich weiß es." -Ich zweifle, antwortete ich, ging aber doch zudem vielgepriesenen Arzte, der mit großer Hei-terkeit und Zuversicht mir Ruhe, Selbstver-trauen, Mäßigkeit anempfahl, dann eine Bade-reise anrieth, kurz den gewöhnlichsten Rathauskramte, der in solchen Fällen hergebrachtist. Am Schlüsse machte er jedoch eine launigeBemerkung, die mit den Worten endete: „zu-weilen kommt auch ein Wunder hinzu." —Das machte mich stutzig. Er wich jedoch allenweiteren Fragen beharrlich aus und ich schiedmit dem neuen Räthsel auf dem Herzen nachkurzer, wie mir schien, erfolgloser Berathung.

Von den besten Segenswünschen des zärt-lichen Vaters begleitet, trat ich wenige Tagedaraus die Rückreise an. Unterweges beschäf-tigte mich fortwährend des Arztes sonderbaresWort, die räthselhaste Mahnung des Traum-gesichtes , mehr als Alles aber die Sehnsuchtnach dem Wiedersehen der Gattin, die mirnun erst wahre Gattin geworden schien. Son-derbar klangen zwischen diese Betrachtungenreligiöse Stimmungen zwischen durch, wie ausder frühesten Kindheit, von denen längst ent-wöhnt zu sein ich mich so heftig betrübte, daßich unter heißen Thränen ein geistlich Lied dich-tete, dessen Anfang war:

Du hast mich nicht verlassen,

Wie auch das Herze weint;

Und kann ich's auch nicht fassen,

Was deine Prüfung meint: —

Von dir will ich nicht lassen,

Ob's hell, oL's trübe scheint.

Mit diesem Liede kam Ruhe in meineSeeleund Kraft und Freudigkeit und Vertrauen,daß Gott Alles zum Besten lenken werde: ichbeschloß, nie wieder zu verzweifeln. So dop-pelt genesen, kehrte ich in die Arme der lieben-den Sehnsuchtsvollen zurück. Dieses Wieder-sehen kann ich nicht beschreiben: ich trat ineine neue Welt. „Nun ganz Dein! ewig unge-trennt," rief ich ihr zu. Lächelnd fragte sie:„Nun erst? und bedurfte es dazu der langenTrennung, Du böser Mann? Ich habe wohlmehr Schmerzen gehabt als Du: einmal warich sogar eifersüchtig. Aber nun habe ich Dichfür immer: ich lasse Dich nicht wieder!" —-Nachdem der erste Freudensturm verrauschtwar, begab ich mich von Neuem in das dich-teste Gewühl literarischer Arbeiten, fest ent-schlossen, hierdurch mir diejenige Ruhe undGleichmäßigkeit der Seele zu sichern, durchwelche ich jedem Schicksale zu trotzen gedachte.Als bedenklichen Rückfall in die frühere hypo-

chondrische Grübelei sah es jedoch meine Frauan, als ich ihr mit einer gewissen Wichtigkeitverkündete, nun müsse auch ein neues Tage-buch begonnen werden, in das wir beide ge-meinsam unsere kleinsten inneren und äußerenErlebnisse aufzeichnen sollten. „Wozu einneues Sünden- und Qualregister?" — sprachsie scherzend; — „denn anders kann ich die Dei-nigen nicht nennen nach den Bruchstücken, dieDu mir einst vor Jahren vorlasest. Muß essein, so laß mich wenigstens draußen." —Ich bestand aber auf dem selbstquälerischenPlane, wie sie es nannte.

Um mir einen wehmüthigen Genuß derErinnerung an vergangene Leiden zu verschaf-fen, suchte ich nach jenen älteren Tagebüchern,in denen ich mit erfinderischer Grausamkeitmeine eigenen Eingeweide zerfleischt hatte.Sie waren nirgend zu finden, so emsig ich auchsuchte. Als ich so drei Tage lang alles papie-rene Besitzthum in und um meinen Arbeitstischvergeblich umgekehrt hatte, kam Marie dazuund fragte, welches wichtige Document mirdenn so viel Suchens veranlaßte. Ich sagte es.„O, das habe ich!" sprach sie laut lachend:„ also von diesem kostbaren Schatze kannst DuDich noch immer nicht trennen? So sollst Du'sdenn in Gnaden wieder haben." — Sie er-zählte, wie es ihr beim Aufräumen der Stu-dirstube unter allerlei alten Papieren in dieHände gefallen, wie sie es daraus mir zu Liebeaufbewahrt, aber nachher nicht wieder darangedacht habe. „Um Gotteswillen! was hastDu denn gelesen?" — rief ich aus. „Nichts,"sagte sie: „ich weiß, wie ungern Du es hast,daß ich in Deine Papiere gucke, und so mußteich denn diesmal die Neugier bezähmen, die ihrMänner uns armen Frauen oft so hoch an-rechnet." — Nichts hast Du gelesen? Gewißnicht? — „Vertraue mir, wie ich Dir. MeinstDu, ich hätte nicht auch Geheimnisse? obgleichDu sie alle wissen magst, wenn Du's ver-langst: sie mögen wohl beiderseitig nicht ge-fährlicher Art sein." —

Mit stürmischer Freude nahm ich das alteManuscript in die Hand und warf es in'sFeuer. Sie sprang hinzu, es zu retten. „Viel-leicht ist's Dir in späteren Jahren doch nochetwas werth: wie manches unnütze Blatt be-wahrst Du aus, so nimm auch dieses wieder."Mit diesen Worten gab sie mir das Heft.Nachdenklich sah ich sie an, blätterte und bliebstehen bei einer Seite, welche von der Flammenur eben angefressen war. Es war jene Stelleaus der dunkelsten Zeit, wo meineSeele, durchund durch vergiftet, nahe an der Hölle wan-delte. Ich las die verhängnißvollen Worte:

„Fluch meinen Kindern von ihr" — undaugenblicklich ergriff ich dieses Blatt, riß dieWörter heraus und warf sie zum zweiten Malins Feuer, ohne ein Wort zu sagen oder zuhören, bis sie völlig ausgebrannt waren.

Plötzlich sielen mir die Worte der nächt-lichen Traumerscheinung Mariens wieder ein:lösch' aus und Du wirst glücklich sein. „ Dasists!" rief ich mir zu: „der Fluch ist zu Ende,Gott Dank!" Marie, die neben mir gestandenund voll Verwunderung all das sonderbareTreiben gesehen, vielleicht auch die letztenWorte gehört hatte, schlang ihren Arm ummich und fragte liebreich: „Wie bist Du dochso aufgeregt, lieber Franz?" — Nun wirdAlles gut, rief ich laut. Gott verzeiht, thueDu es auch.

Ein Vierteljahr nach dieser Scene fühltesie sich schwanger. Als die Zeit um war, ge-bar sie mir einen gesunden Sohn, der in we-nigen Jahren zu einem stämmigen Buben her-anwuchs, der älteste von vier eben so fröhlichenGeschwistern. Unsere Ehe war und blieb un-getrübt bis an ihren Tod. Die Jahre derSchmerzen hatten meine Seele erhoben undgegen jeden Eindruck auch der größten Ereig-nisse gestählt, daß ich jeden Schmerz aushaltenzu können meinte. Ihr Tod war doch ein Er-eigniß, das mich auf einige Zeit in die alteStimmung zurückwarf, bis mich der Anblickder blühenden nun mutterlosen Nachkommen-schaft ins Leben zurück rief. Ich weiß, dtrffich Dich einst wiedersehe, Marie! Dann hastDu mir schon verziehen.

Nun sag mir eins, man soll kein Wunderglauben! riefFerdinand aus, als er nach einemhalben Jahre dem Freunde das Manuscriptzurück gab. Edler Mann! Du hast auch michgerettet! Die Wendung auch meines ehelichenSchicksals ist von dem Augenblicke an gewon-nen gewesen, da ich jene Bekenntnisse ganzdurchdrungen und gleichsam nacherlebt habe.Hypochondrie, Krankheit, Genesung, Selbst-vertrauen, Gottvertrauen, ein Wunder! welcheromantische Folge von Ereignissen! Sie hatsich an mir wiederholt.

Wenn ich mich recht erinnere, erwiderteRoderich ruhig lächelnd, so war bei Über-reichung des Manuskripts die Hauptabsicht ge-wesen, über die poetische Fähigkeit dieses Stof-fes, sowie über die Behandlung desselben imvorliegenden Falle ein Urtheil von Ihnen zuhören. Noch haben Sie dem Heftchen diesenZoll der Dankbarkeit nicht entrichtet?

Poesie? Es giebt einen Seelenzustand, auf