Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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404
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Pulsschlag des öffentlichen Lebens mit solcherAengstlichkeit überwacht würde.

Ueber österreichische Literatur beobachtetder Verfasser gänzliches Stillschweigen, das je-doch beredter und anklagender ist, als es wahr-scheinlich in seiner Absicht lag. Dafür weihter der Censur dieSeiten 103—121 und bemühtsich , auf diesen Blattern die Liebenswürdigkeitdieser Fee darzustellen, deren Zauberstäbchen,der Rothstift, seiner Ansicht nach das unfehl-bare Präservativ gegen die Uebel ist, welchesich aus der Pandorabüchse Preßsreiheit überdie Völker zu ergießen drohen. Abgesehen da-von, daß jenes Stillschweigen das schlagendsteArgument gegen sie ist, müssen wir uns auchwundern, daß Herr Hurter hier in seiner Be-weisführung nicht glücklicher war, und wo eSdarauf ankam, die Nothwendigkeit und Nütz-lichkeit der präventiven Censur zu zeigen, ih-ren Gegnern nur leichtes Spiel machte. Wirwollen hier nicht tausendmal Gesagtes wieder-holen, und verweisen diejenigen, welche dasbündigste zu Gunsten der Censur Vorgebrachte— die Preßsreiheit spricht für sich selbst —lesen wollen, auf den von Gentz herrührendenAufsatz über die Briefe des Junius in denWiener Jahrbüchern — wir bemerken blos,daß aus der übrigens bestreitbaren Unfrucht-barkeit der josephinischen Periode an Werken,„durch welche die Wissenschaften einen vorhernie gesehenen Aufschwung nahmen", die „alsniederschmetternde Zeugnisse gegen die Censurgelten müssen, so lange das Menschengeschlechtauf geistige Produktionen einen Werth setzt",nichts gegen die Preßsreiheit gefolgert werdenkann, weil ein Boden, um Frucht zu tragen,des Samens bedarf, der dort fehlte, weil Preß-freiheit, wie die atmosphärische Luft die Be-dingung des körperlichen Lebens, die politischeFreiheit die des bürgerlichen, so die des geisti-gen Lebens ist. Eben so wenig beweist gegen sie,daß damals so viel schlechtes Zeug gedruckt zumVorschein kam, denn es ist besser, daß die bö-sen Säfte aus dem Körper heraustreten, alsdaß sie darin bleibend Krankheiten im Orga-nismus verursachen, und man könnte diePreß-freiheit dem Sicherheitsventil an Dampfma-schinen vergleichen, wie sie sich denn auch schonmehrmals als solches bewährte, während durchdie Censur Revolutionen nie verhindert, wohlaber herbeigeführt wurden. Daß die Censur„ die geistige Entwicklung des Menschenge-schlechtes, die Förderung der Wissenschaftennicht hindere", kann zugegeben werden, dochbleibt dann erst noch darzuthun übrig, was siefördere, wozu sie denn gut sei und helfe, daselbst Herr Hurter nicht umhin kann, von ihr

begangene Betisen (die übrigens nur eine noth-wendige Zugabe dieser auf die baarste Will-kür basirten Institutionen sind) und die Un-zulänglichkeit einzugestehen, mit der sie gegenausländische Schriften geübt wird. In Bezie-hung auf diese möchte Herr Hurter eine Milde-rung eintreten lassen, wir finden es aber, wennhier anders von Konsequenz die Rede sein kann,ganz folgerichtig, daß auf in- wie ausländi-sche Drucksachen derselbe Maßstab angewendetwird, und behaupten, daß in einem Staate,wo die Herausgabe eines Blattes, wie z. B.die allgemeine Zeitung nicht erlaubt ist, auchder Debit eines solchen nicht gestattet werdensollte — auch kann ja die Unmöglichkeit, ver-botenen Büchern den Eingang zu wehren, ebenso wenig gegen die Censur beweisen, als derBetrieb des Schmuggelhandels gegen die Zoll-systeme.

Obwohl es sehr möglich ist, daß HerrnHurters Buch in die Protokolle der österreichi-schen Censur mit der Bezeichnung „traimeut"oder gar „erga sclleckam" eingetragen wird,so zweifeln wir doch nicht an dem lebhaftenAntheil, den es in allen Kreisen hervorrufenwird , da auch die Gegner der hervorragendenPersönlichkeit des Verfassers, seiner geistvollen,wenn auch einseitigen Anschauungsweise, seinerGabe, die Leser anzuziehen und zu fesseln,gerne Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Neisescenen aus Niederschlesien.

(Fortsetzung.)

II.

Liegnitz, an der Katzbach und demSchwarzwaffer, ward eine Hauptstation mei-ner Streifzüge. Der Ort ist eine der bedeu-tendsten Provinzialstädte Schlesiens, mit 12,000Einwohnern und fast der Größe von Leipzig.Wie das mehr südliche Schweidnitz kann Lieg-nitz mehr westlich als der Ausgangspunkt zudem schönern Theile Schlesiens gelten, und großehistorische Erinnerungen, auf sicherem Funda-mente der Wissenschaft ruhend, knüpfen sich andie Nähe der ehemaligen bedeutenden Herzogs-stadt, wie an diese selbst.

Wer mit Schlesiens Geschichte vertraut ist,weilt zunächst mit tiefem Interesse vor dem Neu-bau des alten Piastenschlosses, dem jetzigenSitze der königlichen Regierung, welcher 1834durch Brand zerstört wurde. Nur den grö-ßeren Theil der Westseite verschonten damalsdie Flammen; und es war, mit Ausnahmezweier Thürme, gerade dieser der minder schöne

Theil des alten stolzen Bauwerkes, woran inantikem Stil das neue iift edeln großartigenVerhältnissen sich anschließt. Auch ein dritterbaufällig gewordener Thurm im Schloßhofe istniedergerissen, und in gothischem'Stile wiederaufgebaut worden. Wie verwundert blickennun der mittelalterliche rothbraune^Peters- undHedwigsthurm auf diesen jüngern Bruder wieauf den ganzen merkwürdigen Neubau nieder,welcher des historischen Schicksals noch ge-wärtig ist, wie das vernichtete Schloß, schonvon den Tatarenhorden vergebens bestürmt,historisch müde war.

Die Geschichte der Piastenfürsten von Lieg-nitz reicht eben so weit hinauf, als sie mituntervon eigenthümlichem Interesse ist. Ich willnur einiger Söhne des uralten Stammhausesgedenken, zunächst des edeln Friedrichs II., desgroßen Beförderers des Protestantismus undder Wissenschaften, deren damaligen Blüthe-punkt in Schlesien Philipp Melanchthon in ei-nem Briefe an den Herrog so lebhaft aner-kannte. Unter diesem erlangte in der erstenHälfte des 16. Jahrhunderts die Schule zuGoldberg durch den berühmten Trotzendorf ih-ren ausgezeichneten Ruf, und gerieth erst beider schlechten Wirthschaft des fürstlichen Nach-folgers, des jähzornigen, launigen und leicht-sinnigen Friedrichs III., in gänzlichen Verfall.Dieser quälte das Land durch die willkürlich-sten, widersinnigsten Verordnungen, liebtedabei glänzende Zerstreuungen, und Turniere,Vogelschießen und ähnliche Lustbarkeiten, de-ren Kosten das Land tragen mußte, nahmenkein Ende. Die Folge war eine tiefe Verschul-dung desselben, welche fortdauernd an demMarke des Volkes fortzehrte, obgleich der ver-schwenderische Herzog, der sich, höchst unklug,des Kaisers Ungnade zugezogen hatte, auf des-sen Befehl gefangen gelegt, und seinem Sohne,Heinrich XI., zur Aufsicht übergeben wurde,welcher jetzt zur Regierung kam. Anfänglichwar dieser musterhaft seinen Regentenpflichtenergeben, da er aber, bei aller Selbstthätigkeit,Ordnung und Sparsamkeit, mit den schmalenMitteln, bei denen ihm noch der Unterhalt desVaters und eines Bruders oblag, nicht auszu-reichen vermochte, nnd die ungeheuere Last aufseinen Schultern sich niemals verminderte, sotrat er mißmuthig in die Fußtapfen des leicht-sinnigen Vaters, und die nächste Folge warnatürlich, daß er mit seinen Einkünften nochweniger auskam. Als endlich auch die letztenQuellen erschöpft waren, verließ er Liegnitz,und durchzog Deutschland in der traurigenRolle eines fürstlichen Abenteurers und Krip-penreiters. Diese Lebensperiode des merkwür-