379
digen Heinrichs ist in dem Tagebuche seinesBegleiters, des schlesischen Ritters Hans vonSchweinichen, welches Büsching nmter demTitel: „Lieben, Lust und Leben der Deutschenim Mittelalter" herausgab, mit großer Um-ständlichkeit geschildert. Eine der ärgsten Thor-heiten Heinrichs war die Bemühung um diepolnische Königskrone. Es gelang ihm, zueinem recht glänzenden Auftreten, wodurch diePolen geblendet werden sollten, eine bedeu-tende Geldsumme auszuborgen. Mit außeror-dentlicher Pracht hielt er seinen Einzug inKrakau, und ließ, um sich so populair alsmöglich zu machen, das mühevoll zusammen-geborgte Geld mit vollen Handen unter dasVolk ausstreuen. Dieses trank zwar dafür desschlesischen Herzogs Gesundheit, allein — Kö-nig von Polen ward er nicht. Der Abenteurerward endlich, wie einst sein Vater, in kai-serliche Haft gebracht, und zwar nach Breslau,in die Kaiserburg an der Oder, wo heute dasUniversttätsgebäude steht. Hier erhielt er mo-natlich 30 Thaler zu seinem Unterhalte. EinesAbends gelang es ihm, seine Wächter indembeliebten braunen Schöps, einem starken Biere,zu berauschen, entfloh nach Polen, nnd starbdort unter den traurigsten Umständen, nach-dem er sein Leben, dürftig unterstützt von dempolnischen Adel, noch eine Weile fortgefri-stet hatte.
Ich wanderte mit einem Freunde nach derunfernen Johanniskirche, wo die letzten Spröß-linge des Piaftengeschlechts ruhen, welches von775—1675, also neun Jahrhunderte, blühteund manchen merkwürdigen, aber nicht ei-nen einzigen welthistorischen Fürstencharakteraus sich hervorgehen sah. Die spätern schle-flschen Herzöge waren rohe Helden, welchemeist aus Streit- oder Habsucht beständig mitihren Stammgenossen oder den unabhängigenStädten des Landes in Fehde lebten. NurBoleslav mit dem schiefen Munde erwarb inälterer Zeit einen hohem Heldenruhm durchseine Siege über äußere Feinde, und Hein-rich ll., der bei Liegnitz die Tatarenhorden vonDeutschland abwehrte, heißt mit Recht einschlesischer Leonidas. Andere Piastenfürstenragen in der Landesgeschichte durch einzelneinteressante Schicksale, durch ihre Verdiensteum die Cultur, durch Baukunst und Freigebig-keit gegen die Kirche hervor, und diese letztereTugend war nach den pfäffischen Geschichts-schreibern natürlich auch mit Frömmigkeit im-mer sinnverwandt.
Die Fürstengruft ist eine hohe runde Ka-pelle, an der Nordseite der Kirche, und ent-hält unter einem Vorsprunge vier kupferne
goldverzierte Särge, über denen an dem Vor-sprunge selbst überall die lebensgroße Figurdes Bestatteten steht, aus carrarischem Mar-mor trefflich gearbeitet. In dem Sarge rechts,dem Eingänge zu, ruht Prinz Georg Wilhelmvon Liegnitz-Brieg, der letzte schleflsche Plast,den 1675 die schwarzen Blattern hinrafften;ihm gegenüber seine Mutter, deren Sarg unsgeöffnet ward. Außerdem sieht man noch dielebensgroßen Portraits dieser beiden Perso-nen. — Die Fürstensärge sind vielfach beraubtworden, auch die Capelle hat sehr gelitten,und ist erst, seit die Regierung in Liegnitzihren Sitz nahm, einigermaßen wieder her-gestellt.
In der Johanniskirche selbst sieht man ineiner Halle links die Särge des österreichischenGenerals, Freiherr» von Sprinzenstein undseiner Gemahlin, Eleonore, gebornen GräfinHarrach. Es hinterließ dies Paar sein Ver-mögen, namentlich das Städtchen Deutsch-Wartenberg, 1690 den Jesuiten, welche achtJahre später die Johanniskirche erhielten, unddabei ein Kollegium gründeten. Aus Dank-barkeit wies der Orden jenen beiden Wohl-thätern die Ruhestätte in der Kirche an. Diesewar früher die evangelische Schloßkirche, undist, außer den herrlichen architektonischen Ver-hältnissen, so einfach und schmucklos, als ichnur je eine katholische Kirche sah. Geschmack-los und einer Theaterdecoration ähnlich er-scheint dagegen der blaue Anstrich des unternTheiles der Wand rings am Presbyterium.
Außer dieser Kirche, mit zwei hohen herr-lichen Thürmen, zieren das wohlgebaute Lieg-nitz noch zwei andere schöne Gotteshäuser, wieman ähnliche in mancher größer» Stadt ver-gebens suchen dürfte, und unter den übrigenöffentlichen Gebäuden ist die Ritterakademie,im Quadrat in vier Straßen hineinreichend,und ähnlich dem Regierungspalaste zu Bres-lau, ein wahres Prachtwerk der Baukunst.Joseph I. gründete 1708, aus den Einkünfteneiner eingezogenen Stiftskirche, dies reich do-tirte Institut für die freie standesmäßige Er-ziehung von zwölf jungen schlesischen Edelleu-ten. Daß nach dem Begriff jener Zeit zu sol-cher Standesmaßigkeit nicht eben wenig ge-hörte^ ersieht man aus der Angabe, daß zudem Unterhalte der jungen Leute unter An-dern: täglich acht Schüsseln, sechs Pferde unddergl. gerechnet wurden. An der Anstalt lehrteeinst Struensee, als Professor der Philosophieund Mathematik, sowie der um die Literatur-geschichte so verdiente Flögel.
Mit den veränderten Adelsverhältnissen istauch die Verfassung der Ritterakademie ver-
ändert worden. In neuester Zeit war man so-gar öffentlich bemüht, ihre ganze Existenz alsdem Zeitbedürfniß nicht mehr wesentlich ent-sprechend darzustellen, zumal in Liegnitz nochein Gymnasium besteht, in dessen Kategoriedie Anstalt gehört. Es wurde dagegen vorge-schlagen, diese in ein landwirthschaftliches Un-terrichtsinstitut, woran es in Schlesien nochgebricht, nach dem Beispiele süddeutscher Län-der umzuwandeln; allein die Akademie erhielt,nach einem jahrelangen Jnteregnum, nochwährend meiner Anwesenheit einen neuen Di-rector, und es ist somit höhern Orts für ihrFortbestehen siegreich entschieden. Der bishe-rige Lehrplan zerfiel in zwei Richtungen, nachderen einer die Akademie als eigentliche Ge-lehrtenschule zur Universität vorbereitet, wah-rend die andere eine solche allgemeine Bildungerwerben läßt, welche unsere Zeit für die ver-schiedenen Berufsarten des mittlern und hö-hern Bürgerstandes in Anspruch nimmt.
Die Nothwendigkeit solcher Anstalten fürdie allgemeine Bildung des mittlern und hö-hern Bürgerstandes, denen freilich zu größererSicherheit des Erfolgs erst die Bildung geeig-neter Lehrer vorangehen müßte, erweisen fort-dauernd neue Thatsachen, welche der erwa-chende gesunde Sinn für-die Forderungen desmodernen Lebens herbeiführte. In drei Jah-ren hatte sich schon die Zahl der BreslauerGymnasiasten um 800 verringert, wahrend dieder Real- und Bürgerschüler unausgesetzt stieg.Schon müssen viele aus Mangel an Raumabgewiesen werden, und nach mehrjährigerDurchschnittsberechnung hat sich ergeben, daßvon 23 Gymnasiasten jährlich nur Einer zurUniversität abgeht; dagegen widmen sich vonden klebrigen mindestens sechs einem andernehrenwerthen Berufe, der sie den gebildetenStänden zugesellt.
Die Ritterakademie zu Liegnitz besitzt na-türlich eine Bibliothek. Ich erbat mir dieSchriften Garve's, des schlesischen Philoso-phen; sie waren indeß nicht vorhanden. Nunwar mir die Lust vergangen, nach Anderem zufragen, denn ich konnte keine besondere Mei-nung mehr von einem so alten Institute ha-ben, das nicht einmal die herrlichen Werkedes auch im Auslande so hoch gefeierten undzu den Klassikern gezählten Schlesiers besaß,welche nur acht Meilen entfernt ihren Verlags-ort hatten.
Auf dem Hauptmarkte oder Ringe, wie erin Schlesien heißt, bezeichnete man mir dasehemalige Mäntler'sche Haus als das Quar-tier Napoleons im Jahre 1813, und erzähltedabei folgende, noch nicht öffentlich mitgetheilte