Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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406
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Thatsache. Jenem Hause gegenüber wohnteein Bürger, ein sehr geübter Schütze, derbenpatriotischen Entschluß faßte, den Kaiser zuerschießen, als er ihn im Zimmer auf- undniederwandeln, und dabei mitunter einen Au-genblick am Fenster verweilen sah. Besonnenhatte sich Jener bereits einen Fluchtweg überdie nächsten Dächer ausersehen, und legte, alser den Kaiser wieder dem Fenster sich nähernsah, vorsichtig die Büchse auf ihn an. In die-sem entscheidenden Momente stürmt die Fraudes kühnen Schützen herein, welche das Atten-tat ahnet, und reißt ihn vom Fenster weg, eheder verhängnißvolle Fingerdruck, von dem eineganz andere Gestaltung der Dinge abhing, ge-schehen konüte. Sie beschwor ihn, sich selbst,seine Familie und die Stadt durch die unge-heure That nicht unglücklich zu machen, under versprach es, und lehnte die Büchse, derenKugel jenes welthistorische Leben bedrohte, inden Winkel. Es lebt dieser Bürger noch, undfreut sich heute, daß des Weibes Hand seinesichere Todeskugel in dem Laufe und damit denunbefugten Eingriff in das Weltschicksal zu-rückhielt, über welches er seitdem anders den-ken lernte. Noch wird die Büchse als ein merk-würdiges Familienstück aufbewahrt.

Die Gegend um Liegnitz ist bekanntlich clas-sischer Boden für die neuere Geschichte, undin der goldberger Vorstadt trägt das letzteHaus rechts die Ueberschrift: „Friedrichs-ruhe, August 1760." Dies war das Da-tum der Morgenschlacht bei Liegnitz, auf denHöhen von Panthen, welche der große König,nach der Angabe aller Geschichtswerke, auf ei-ner Trommel sitzend erwartete. Mein kriti-scher Sinn war geweckt, und ich begab michmit dem stolzen Wunsche in das Haus, hierwo möglich Quellenstudien über jene Schlachtund durch Berichtigungen 'mir vielleicht einenNamen unter den Geschichtsforschern des sie-benjährigen Krieges zu machen. Der Haus-besitzer, ein einfacher Bürger, wies mir aufmeinen Wunsch mit großer Gefälligkeit durchverschiedene Papiere wohlunterrichteter Perso-nen nach, daß Friedrich in jener Nacht in die-sem Hause, dem frühern Bürgerhospital dersogenannten blauen Männer, und zwar in demanstoßenden Gemach des Unterzimmers, aller-dings einige Stunden Nachtruhe gehalten habe,während die Generalität in dem gegenüber lie-genden Vorwerke zur goldenen Hufe Quartierhielt. Der König trennte sich wahrscheinlichvon demselben, um bei einem plötzlichen Vor-falle nicht sogleich der ersten Gefahr ausgesetztzu sein; denn bekanntlich war er von zweiösterreichischen und einem russischen Heere ein-

geschlossen, und ein Ueberfall nicht unwahr-scheinlich, während man ihn in dem Hospitaleschwerlich vermuthete. Die Preußen hielten dienahen^Höhen besetzt, und ihre Wachtfeuer wur-den dort fortwährend sorgfältig unterhalten,um den bei Panthen stehenden Feind an dieBeharrlichkeit der preußischen Position glau-ben zu machen. Inzwischen setzte das preußi-sche Corps, unter den Anordnungen des Kö-nigs, in aller Stille sich in Bewegung. Allenur zu erlangenden Scheunthore der diesseiti-gen Vorstädte wurden benutzt, um den Trup-pen noch in der Nacht den Uebergang über denBruch, eine Sumpfgegend zwischen dem hai-nauer und glogauer Thore, möglich zu machen,und mit den ersten Morgenstrahlen stand derKönig in fester Stellung vor Laudon, dessenOesterreicher sich noch den Schlaf aus den Au-gen wischten, als die Schlacht begann.

Schon um 5 Uhr desselben Morgens warsie siegreich entschieden, und damit die Hoff-nung vernichtet, den König diesmal aus dergelegten Falle nicht entrinnen zu sehen. AmAbend vorher hatte noch zu Seifersdorf einösterreichischer Officier einem Fischer seinenMantelsack mit der Bravadeübergeben, er mögefür den nächsten Morgen ein gutes Frühstückbereit halten; diese Nacht werde der Königund seine Handvoll Preußen aufgehoben. Nachder Schlacht kehrte der Officier mit verbun-denem Kopfe zu dem Fischer zurück, um denMantelsack zu holen, und als dieser fragte,wohin man den großen Gefangenen gebrachthabe, murmelte der Held: „ ^uer König hatden Teufel im Leibe."

Unfern von Friedrichsruhe erhebt sich dieSiegeshöhe, ein sanfter Hügel des hieraufstrebenden Höhenzuges mit einem äußerstfreundlich ausgestatteten Etablissement, wel-ches mit Recht ein Lieblingsort der Liegnitzerist. Zwei umfriedigte Vorspränge des Hau-ses gewähren diesseits den Blick aus das frucht-bare Hügelland mit der ansehnlichen vielbc-thürmten Kreisstadt, wobei ein gutes Augeam fernen nördlichen Horizonte die auf derOder hingleitenden Segel erkennt. Auf jenerSeite liegt der ganze Umkreis der südwestli-chen Sudeten vor, hinter denen sich das Hoch-gebirge mit der Schneekoppe in scharfgezeich-neten Abhängen erhebt, während das Kätz-bachgebirge, vom kegelförmigen propsthainerSpitzberge und ganz nordwestlich von dem iso-lirten Gräditzberge charakterisirt, in den Vor-dergrund tritt. In der Nähe findet der Blickin einer Menge von Dörfern und drüben aufder Hochebene in dem einsamen merkwürdigenWahlstatt seine Ruhepunkte. Ueberhaupt aber

schaut man von dieser Siegeshöhe, welche des-halb ihren Namen erhielt, ringsum auf diewelthistorischen Gefilde nieder, wo in vier ver-schiedenen Jahrhunderten vier Schlachten tob-ten, nämlich: am 9. April 1241 die Tataren-schlacht bei Wahlstatt; am 13. Mai 1634 dieSchlacht bei Lindenbusch zwischen Österreichernund Sachsen; am 15. August 1760 das vorhinbesprochene Treffen zwischen Oesterreichern undPreußen auf den Höhen bei Panthen, und end-lich am 26. August 1813 die das Weltschicksalentscheidende Katzbachschlacht.

Nahe ist das reizende, jetzt so vernachläs-sigte Lindenbusch, und sein herüberwin-kender Aussichtsthurm scheint zu bezeugen, daßes hier nicht an dem Sinn für historische Er-innerungen fehle, welche, außer bei Leipzig,kaum irgendwo >n solcher Bedeutsamkeit an ei-nen ähnlichen kleinen Umkreis geknüpft sind.Jenen Thurm auf einer vorspringenden An-höhe, der bedeutendsten um Liegnitz, erbaute,wie die Inschrift einer Tafel sagt, der könig-liche Kammerherr und Malteserritter KarlSiegmund v. Unruh, zum Andenken an die er-wähnte hier stattgehabte Schlacht, deren Haupt-momente eine andere Tafel angiebt. Die Sach-sen rückten von Goldberg her gegen die Kaiser-lichen, welche hier eine feste Stellung genom-men hatten, und vertrieben diese daraus nachdreistündigem harten Kampfe. Sie flohen nachLiegnitz, wo Graf Colloredo die Vorstädte inBrand stecken ließ; doch bald nahmen die nach-dringenden Sachsen die Stadt ein. — Feindes-wuth und Unwetter zerstörten 1813 den Thurm,und der Kammerherr ließ ihn 1817 zum An-denken an die Katzbachschlacht wieder herstellenund seine Umgebungen mit vielem Geschmackverschönern. Von seiner Höhe ergoß sich einWassersturz in reizenden Cascaden durch denNadelwald ins Thal, wo Gondelfahrten ihnbelebten. Diese ganze kleine Bergwelt umzo-gen reizende Parkanlagen, und ein komfor-tables Kaffeehaus nahm die Spaziergänger auf,welche an heitern Sommertagen zu Hundertenhierher strömten. Als Hr. v. Unruh Linden-busch verkaufte, ließ es einen unablöslichenGeldbeitrag für die Erhaltung des Thurmesund die Anlagen ringsum auf das Gut eintra-gen, und glaubte so den Fortbestand seinerfreundlichen Schöpfung gesichert. Allein er hatsich getäuscht, wie die Liegnitzer längst mit Be-dauern wahrnehmen mußten. Das schöne Lin-denbusch gerieth in den Besitz eines Mannes,dem die Oekonomie über Alles ging, der kei-nen andern Sinn als für den Rock und dastägliche Brod hatte, und nicht begriff, wieman sein schönes Geld verschwenden könne,