Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
407
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um den Fremdling an ein welthistorisch ge-wordenes Terrain durch ein Denkmal zu er-innern und zugleich dem Publicum der Umge-gend einen Sammelplatz durch ein unmuthigesGehölz zu gewähren, das bei den guten Holz-preisen, in Klaftern geformt, sich weit schönerauf dem Markte ausnehmen mußte. Ja dieLiberalität des edlen vorigen Besitzers wan-delte sich bei dem jetzigen so schneidend um,daß einigen Spaziergängern der Gang übereine Wiese untersagt wurde, damit sie dasGras nicht zerträten, obgleich — noch Schneelag. Um das Publicum so fern als möglichzu halten, wurde vor allen Dingen das Kaffee-haus in möglichst schlechten Stand versetzt, undder Zweck ward erreicht, man blieb weg. Drü-ckend war dem Erwerber von Lindenbusch dieKaussbedingung der Erhaltung des Thurmes.Er erfüllte sie negativ insofern, als er ihnnicht gänzlich abtragen, sondern nur so vielals möglich wegreißen ließ, ohne seinen Zu-sammensturz fürckürn zu dürfen. An ein Be-steigen desselben ist so wenig mehr zu denken,als an die Cascaden, deren Bett man nochdeutlich sieht, und weshalb Lindenbusch frü-her ein wirkliches Tivoli von Liegnitz hätte ge-nannt werden können, während die Satirejetzt einen schlechten Dorfkretscham mit einigenBäumen und Bänken in der Nähe eines Weh-res der Katzbach so bezeichnet. Auch der Na-delwald ist gelichtet, und zwar ohne alle Rück-sicht auf Symmetrie, ein Theil aber schongänzlich in Ackerland verwandelt.

Unter den entfernten: Punkten um Liegnitz,welche den Geschichtsfreund anziehen, nenneich zunächst Schlauphof, mit dem reizendenEichholz und dem.Denkmale der Katzbach-schlacht auf der Höhe, von wo aus Blüchersie leitete. Ein älteres, aber unwichtiges hi-storisches Monument, unweit Liegnitz, istdie Thra n en faul e, bei Waldau, aufderStraße nach Bunzlau. Sie steht, ziemlich er-halten, aber versteckt, am westlicheü Ende je-nes großen Kirchdorfes, und erinnert durchihre empfindelnde Inschrift an den Abschied,welchen Herzog Georg III. von Brieg, der sieerrichten ließ, am 18- März 1664 hier vonseiner Tochter Dorothea Elisabeth nahm, alssie nach Dillenburg zn ihrem Verlobten reiste.Von den hier kokett geflossenen fürstlichen Va-terthränen erhielt die ganze Gegend den Na-men Thränenthal. Interessanter ist für denAlterthumsfreund das Vorwerk Sophien-thal, fast auf dem Wege nach Waldau. Essoll der Lieblingsaufenthalt mehrer fürstlichenFrauen gewesen sein; man erzählt manchehierher gehörige Sage von der heiligen Hed-

wig, und über die hier ehemals vorhandenenBilder und Alterthümer hatte ein Gelehrterein Büchlein schreiben können. Doch die viel-seitigen Forderungen der Gegenwart veran-lassen den Schlesier zu einer näher liegendenThätigkeit, nachdem bereits durch die ehren-werthen Bemühungen eines Büsching, Kruse,Worbs und Hermann der Archäologie ihrRecht geschehen. Es ist unweise, sich mit demSkelett der Zeit länger zu befassen, als nöthig,um sich einen anatomischen Grundriß ihrer Ge-schichte einzuprägen, und darüber das Stu-dium des heißpulsirenden modernen Lebens zuversäumen. Das war es ja aber, was denDeutschen von jeher charakterisirte, daß er derGegenwart nicht eher bewußt zu werden strebte,als bis sie zur Vergangenheit geworden, ander er sich dann für den versäumten Genußdurch die wissenschaftliche Zergliederung ent-schädigte.

Manche Städte und Ortschaften beklagtenihre Vernichtung in den Folgen einer Schlacht;der Marktflecken Wahlstatt dagegen, wohinich wanderte, verdankt einer solchen sein Ent-stehen. Znr Erinnerung an das vor 600 Jah-ren hier geflossene Blut von Deutschen undTataren wird am Sonntage nach Ostern einJahrmarkt und in der ehemaligen Klosterkirchedes Orts die sogenannte Ohreupredigt abge-halten. So hat das Volk diese wegen der darinstets wiederholten Beschreibung der Tataren-schlacht genannt, aus deren Wahlstatt die asia-tischen Sieger bekanntlich den gefallenen Chri-sten die Ohren abschnitten und in Säcken auf-sammelten.

Goethe sagt über diese Schlacht: „Ich hattebisher immer meine Freude an einem gro-ßen Factum des 13. Jahrhunderts, wo KaiserFriedrich II. mit dem Papste zu thun hatte,und das nördliche Deutschland allen feindlichenEinfällen offen stand. Asiatische Horden ka-men auch wirklich herein, und waren schon bisSchlesien vorgedrungen; aber der Herzog vonLiegnitz setzte sie durch eine große Niederlagein Schrecken. Dann wendeten sie sich nachMahren; aber hier wurden sie vom GrafenSternberg geschlagen. Diese Tapfern lebtendaher bis jetzt immer in mir als Retter derdeutschen Nation. Nun kommt aber die histo-rische Kritik, und sagt, daß jene Helden sichganz unnütz aufgeopfert hätten, indem dasasiatische Heer bereits zurückgerufen gewesen,und von selbst zurückgegangen sein würde. Da-durch ist nun ein großes vaterländisches Fa-ctum gelähmt und vernichtet, und es wird Ei- !nem ganz abscheulich zu Muthe." (Gespräche mitGoethe von Joh. P. Eckermann, I Th. S. 224.)

Es ist in der That nicht abzuleugnen, daßdiese historische Kritik, Lei aller Verdienstlich-keit an sich, bisweilen recht lästig, ja sogarabscheulich werden kann, sobald es sich um dieVernichtung eines liebgewordenen großen Cha-rakters, einer ausgezeichneten That, oder auchnur der Motive dazu handelt. Einer poeti-schenNatur, welche einen schönen unschädlichenIrrthum einer negativen trockenen Wahrheitvorzieht, kann somit leicht alle Freude an derGeschichte verleidet werden. Vor einem Jahreerlebten wir auch in Schlesien einen solchenhistorischen Vernichtungsproceß. Angeblichnach dem Tagebuche eines Rothgerbers hatteder Syndikus Koch zu Brieg die Herzogin Do-rothea Sibylla, die Großmutter des letztenPlasten, in der höchsten Glorie fürstlicherFrauentugenden dargestellt, und damit allgemei-nen Enthusiasmus für „ die liebe Dorel" er-regt, wie das Volk diese populaire Erschei-nung nannte. Auch in den höchsten Kreisensoll man sich lebhaft für die bewundernswür-dige Ahnfrau aus dem Hause Hoheuzollerninteressirt haben. Nun veranlaßte nach KochsTode der Umstand, daß jenes Tagebuch ver-loren worden, und überhaupt dessen vorhandengeweseneEristenz durch vollgültkgeZeugen nichtzu erweisen war, eine strenge kritische Untersu-chung, deren Resultat zuletzt selbst von Schlos-ser, der eisernen historischen Autorität zu Hei-delberg, bestätigt wurde. Hiernach stellte sichdas Tagebuch des Nothgerbers als eine reineFiction seines Herausgebers dar, und die hoheausgezeichnete Dorothea als eine ganz gewöhn-liche weibliche Natur, von welcher nur ihrerfürstlichen Abkunft wegen die Geschichte ingenealogischer Hinsicht Notiz zu nehmen hat.

Die Kirche des ehemaligen Benedictiner-klosters zu Wahlstatt ist rundlich gebaut undnur klein, aber schön, mit guten Frescogemal-den im Plafond und zwei stattlichen Thürmen.Unter den fünf großen Oelbildern ist das Al-tarblatt von Willmann das beste. Er stellt dieScene dar, wo der auf dem Schlachtfelde ge-suchte Leichnam des frommen Helden HeinrichHauptlos gefunden wird, indem man ihn andetr sechs Zehen des einen Fußes erkennt, undzu der schmerzerfüllten fürstlichen Mutter em-porhebt. Diese ließ an der Stelle eine Capellebauen, welche später in eine Kirche, die heu-tige evangelische, verwandelt wurde. Zu demGotteshause fanden sich allmälig andere Häu-ser, und so entstand Wahlstatt, das mit Blü-cher, der hier seinen Fürstentitel holte, auchan einen Helden der neuern Zeit erinnert.

Die Kloster-gebäude dienen seit 1838 einerCadettenanstalt, wodurch der sonst einsame