Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
408
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Ort einiges Leben erhalt. Seltsam genug wirdmit bedeutenden Kosten deshalb jetzt von ihmeine neue Straße nach Liegnitz gebaut, wäh-rend die Chaussee von hier nach Jauer, eineransehnlichen Stadt, so schlecht ist, daß schon dergeringste Regen dem Fuhrwerke hinderlich wird.

Von Oyas, einem Dorfe unter Wahk-statts Hochebene, erzählt die Sage: es hättennach der Tatarenschlacht die flüchtenden Chri-sten hier Halt gemacht, und ihr Schreckensruf:„ O Äesus!" wäre später in den heutigen Na-men des Dorfes corrumpirt worden. Wie inHummeln, auf dem Schlachtfelde von 1760 ,trinkt hier der Liegnitzer unbefangen seinenKaffee, als wäre Nichts vorgefallen.

Ich kehrte nach Liegnitz zurück, dessen ent-ferntere Umgebungen ebenso reizend sind, alsdie nähern, und denen der Hauptstadt denVorrang abgewinnen. Weitläufige Gärten undauf den geschleiften Wällen die hohen dichtenLaubhallen eines reizenden Linden- und Ka-stanienkranzes ziehen sich um die Stadt, anwelche in der Nähe des Schießhauses ein park-ähnliches Gehölz sich schließt. Diesem gegen-über liegt das Badhaus, mit einer Restaura-tion verbunden, ein so unmuthiger Gesell-fchaftsplatz, wie vielleicht nur wenige Städtein solcher Nähe auszuweisen haben. Das an-sehnliche Haus und dessen Nebengebäude um-geben geschmackvolle Anlagen, durch eine Fon-taine belebt. Ein Wäldchen mit dem verschwie-genen Dunkel kühler Plätzchen und Gängestößt an eine Wiese, welche jenseits wieder voneinem schönen Laubgange umsäumt wird, wiedie ganze freundliche Schöpfung von zwei Sei-ten durch einen Canal.

Zwischen demselben und der Katzbach brei-tet ein bedeutendes Plateau sich aus. Es istder Haag, der Erercir- und Volksplatz vonLiegnitz, wo Thierschaufeste und Mannsschie-ßen gehalten werden. Jetzt sah ich dort eineSchaar Rekruten zum Heldenthum abrichten,und dabei, zu meinem Erstaunen, so hand-greifliche Zurechtweisungen ungelehriger Schü-ler, wie sie nur immer Friedrichs bezopfteSoldateska von übermüthigen Junkern undder damaligen barbarischen Corporalschaft zuerdulden hatte. Man sagte mir, es wärenOberschlesier, die es nicht besser verständen.So, so! dachte ich; allerdings, bei den Ober-fchlesiern schadet es Nichts, wenn die preußi-sche Humanität ein wenig fühlbarer wird,als in dem oft unbegriffenen Geiste der vonFriedrich Wilhelm III. verliehenen Staatsin-stitutionen.

Noch einige Worte über das sociale Lieg-nitz. Die hiesigen gebildeten Stände wissen

mit ihrer Bildung sich nicht recht zu rangiren.Man schwankt zwischen kleinstädtischer Trivia-lität und großstädtischer Liberalität der Lebens-ansicht und des Lebensgenusses, und hält sichdabei ans Fashionable, an eine zeitgemäßeaffectirte Schlaffheit, welche das Princip derErclusion verschleiert. So zeigt sich auch hier,nach dem Maßstabe unserer modernen Bildunggerechnet, jenes trostlose Justemilieu socialerZustände, welches alle deutschen Mittelstädtemehr oder weniger charakterisirt. Als Sitz ei-ner Regierung, giebt es in Liegnitz schon einebedeutende Bureaukratie, und man sieht diesedurch Männer von höherem Amts- und Gei-stesgehalt repräsentirt, während in obskurenStädten von ähnlicher Größe der Kreisjustiz-rath, Postdirector und Bürgermeister die er-sten Chargen der Gesellschaft in Anspruch neh-men. In Liegnitz bilden dann einige großeKaufleute und der Lotterie-Einnehmer Leitge-Lel, unzertrennlich von seinem großen Hunde,die Mittelfiguren des Societätsbildes, und nunendlich kommen Groß- und Kleinbürger undder besitz- und heimathslose Haufe als Staffage.

Die höhern Stände sind hier nur wenigöffentlich sichtbar. Aller Kunstgenuß am Ortewird verschmäht, weil man durch höhern be-reits allzu sehr verwöhnt zu sein vorgiebt.Höchstens werden Journale gelesen, und dabeieinige Quart Thee mit Kuchen aus dem classi-schen Oyas verzehrt; nur selten gelangt manzu dem großen Entschlüsse, im Badhause Kaffeezutrinken, oder die Siegeshöhe zu besuchen.Die Mittelklassen dagegen besuchen reichlichden „schwarzen Adler"— vul^o „Armuthund Edelsinn" — in der Vorstadt, wo manim Sommer den Staub der am Garten vor-überführenden Straße genießt, im Winter aberin einer finstern Höhle sitzt. Das gelehrte,junge und alte Liegnitz läßt sich den Weg da-hin durch die lange Jauergasse nicht verdrießen,während die schönen Laubgänge um die Stadtfast nur von Kindermädchen besucht werden.Solche in die Augen springende Verkehrtheitenfindet man übrigens nicht blos in Liegnitz: essind aber auch diese Bemerkungen über dessenöffentlichen Geist nicht neu, weil die Stadtüberhaupt wenig Neues in dieser Hinsicht dar-bietet. Sie beharrt noch arg im aucien re^imeder Humanität, im soliden Philisterthume, undder neue Jdeenumschwung stößt hier auf ziem-lich isolirtes Terrain. Der Ort eignet sich zueinem Ruhepunkte nach der Sommerfchwüle ei-nes thätigen und bewegten Lebens. Hier, woso Vieles an die welthistorische Vergangenheiterinnert, findet sich auch eher, als anderwärts,die eigene Betrachtung angeregt.

Wie es um das Innere der hiesigen Gesell-schaftskreise eigentlich steht, weiß ich nicht.Wahrhaft gute Gesellschaft ist überall schwerzu finden, und hier war mein Aufenthalt zukurz dazu; die sogenannte gute Gesellschaftaber, welche ihren geistigen Brennpunkt in derWhistmarke findet, hab' ich mit meiner Natur,welche gegen die systematische Langweile sehrempfindlich ist, nie verträglich finden können.Ich fürchte, es wird, bei allen Humanitäts-theorien, noch sehr lange dauern, ehe manüber den Begriff der Gesellschaft in der Beach-tung und Achtung der Individualität, unterdem Ausschluß der Standesrepräsentation, inconcretcr aufs Reine gelangt. So lange dieletztere noch gilt, ist es ein allgemeines Un-glück, daß gerade die ausgezeichneten Geisterin der Regel den geringsten Einfluß ausüben,wo sie den meisten auf die gesundere Konstitu-tion der Gesellschaft haben sollten. Uebrigensentnehme ich aus mancherlei Umstanden, daßdas Zeitalter des Perikles wenigstens bis jetztin Liegnitz nicht gekommen ist. Auch nicht einenKünstler oder Schriftsteller, welcher durch sei-nen hiesigen Wohnsitz der Stadt von außen herBeachtung verschaffen könnte, hab' ich nennenhören. Indeß fehlt es diesem unbedingt erstenund bedeutsamsten Stande unserer Zeit, wennauch an geistiger, doch nicht an Blutsver-wandtschaft in Liegnitz. Hier lebt eine Schwe-ster Raupachs , eine Tochter Müllners und so-gar ein Bruder von — Henri Heine.

(Beschluß folgt.)

Ilse.

Des Meeres Wogen brausen, hell zuckt des BlitzesStrahl;

Des Windes Flügel sausen weit über Berg und Thal.

Zwei Wandrer fliehu im Thale, sie stürzen durchSumpf und Moor,

Und klimmen in bangem Muthe von Fels zu Felsempor.

Und wilder tobt die Welle, sie strömt aus Wölk'und Meer,

Und kreist im macht'gen Tanze um Thurm und Felsenher.

Die Brücken sind geborsten, zerwühlt die Thaler all'.

Und höher, immer höher hebt sich der WogenSchwall.

Die Wandrer stehn am Felsen, am letzten Gipfel-hang,

Sie schaun in Sturm und Brandung, ein Knab' undein Mägdlein schlank;

Er halt sie halb umschlungen, sie küßt ihm Wang'und Mund,

Hei, wie die Locken fliegen! dumpf dröhnt des BergesGrund.