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Großes Interesse wird eine Darstellung der neue-sten Literaturverhältnisse erregen, welche Wienbarg ineinem literarischen Almanach zu geben beabsichtigt,und wodurch er ein Gegenstück zu dem in dem Jahr-buch der Literatur von Gutzkow abgedruckten Aufsatzüber die Literatur seit 1830 liefern wird. Die lügen-haften Entstellungen und Verleumdungen, welche sichGutzkow in jenem Artikel erlaubt hat, und das arm-selige Manoeuvre, das er befolgt, um die eigentlichverdächtigen Ideen lediglich seinen Mitgenossen dessogenannten jungen Deutschlands zuzuschreiben, sichselbst aber ausschließlich das positiv Bedeutsame zuvindiciren, an dem er in Wahrheit nur den allerent-ferntesten Antheil hat, werden, wenn man die Dar-stellung Wienbarg's dagegen halt, in ihrem rechtenLichte erscheinen.
* A u s M e i n i n g e n, im Juli. Meinekleine Mittheilung aus Meiningen in Nr. 18 des Pi-loten hat einen wahren Freuno, der zugleich bewährterKenner der hiesigen Verhältnisse ist, veranlaßt, mirbrieflich eine Berichtigung und Erweiterung meinerabgedruckten Skizze zu Theil werden zu lassen. Ichachte die Wahrheit zu hoch und finde sie bei Erörte-rung unserer politisch-soeialen Zustande so dringendnothwendig, daß ich selbst an die Regulirung meinesIrrthums schreite und was hierauf bezüglich, aus demBriefe meines Freundes der Ocffentlichkeit übergebe.
„ Ich finde Ihre Ansichten — heißt es darin —ehrlich und gut gemeint und hoffe, daß sie wirkenwerden; aber über Grund und Veranlassung der gegen-wärtigen Mißstänve hätte ich mich, freilich unpassendfür unsere sanft auftretende Zeit, etwas stärkerund vielleicht etwa in folgenderArt ausgesprochen: —Es entstehen diese Uebelstände zuerst aus einem beider vorigen Regierung eingerissenen und tiefgewurzel-tcn vetterlichen und nepotistischen Versorgungs- undVerschleierungssystem, besonders zu Gunsten der ziem-lich mittellosen und wohl auch geistig schwache^ Ari-stokratie. Dadurch erwuchs, trotz einer schönen Reiheguter Fricdcnsjahre, eine im Verhältniß zu den Lan-deskräften furchtbare Schuldenlast, die alsdann denneu einverleibten Landestheilen mit aufgebürdet wurde:was auch die diesseitigen Dcputirten gegen eine solcheAuslastung einwenden mochten. Man kann dies frei-lich, wie Sie gethan, eine ,, Vorliebe für das Alt-hergebrachte " nennen, aber die Ironie dieses Aus-drucks ist nur den Wohlunterrichteten im Lande ver-ständlich, und für die auswärtigen Leser undeutlichseilt zu wollen, lag gewiß nicht in Ihrer Absicht.— Ein anderer Grund, vielleicht von einem gewissenRachbarstaate eingeimpft oder insinuirt, beruht aufeiner, dem früher Angeführten gerade entgegen gesetz-ten, Manier, welche darin besteht: Alles Neue, wasfeile Staatszeitungen und huldreichst veranlaßte Bro-chüren im Sinne des neu aufgekommenen Bevormun-dungs-Systemes als dringend anempfohlen, und wasin größeren Staaten vielleicht eher und unschädlichereine Zeit lang hingehen mag ( ? ), auch sogleich indem eigenen kleinen Haushalt, unpassend genug, beiStrafe zu verordnen oder erzwingen zu wollen. Wahr-lich es ist mitunter Zeug, das ich schon als Knabe imMildheim'schcn Noth- und Hülfsbüchlein vor vierzigJahren gelesen und wieder vergessen hatte, was ichjetzt hier neu aufgefrischt und angepriesen finde. Dazugehört das unselige geistlose Tabellenwesen und dieSchreibwuth in den Dikasterien überhaupt, die alle
Beamten bis zu den Dorfschulzen herab mit ihrer Last er-drückt und zu Grunde richtet, das Nöthige aber oft Jahrelang unausgefertigt liegen läßt. Ein Uebel, woranjetzt leider so viele Staaten gemeinsam leiden, aber auseigener Schuld und Kurzsichtigkeit; vielleicht in Folgedes Grundsatzes: alle Unterthanen von vorn hereinals Verdächtige zu behandeln, die wahren Spitzbubenaber wie kranke gute Kinder zu pflegen und zu ver-sorgen. — Den dritten Grund endlich, den Sie gänz-lich verschwiegen, nenne ich den für uns unglücklich aus-gegangenen Umstand derenglischen Verschwägerungund der folgenreichen persönlichen Bekanntschaft mitdem glänzend glatten, marmorkalten Parquetboden,worauf die Hochtory's wandeln und handeln, und wowider Wissen und Willen die giftounstige Atmosphäredurch die Poren in die gute aber schwache deutscheBrust eindrang und zunächst das Mißtrauen er-zeugte."
So weit die Noten des Freundes: ich fahre nunim eigenen Tert fort. Kein geringes Staunen erregtehier die kürzlich erfolgte Verabschiedung des MinistersHrn. von Krafft, hinter welcher man nicht ohneGrund allerhöchst „Mißfälliges" vermuthet. Hr. v.Krafft wurde vor etwa vierzehn Jahren aus hessen-cassel'schen Differenzen in hiesige Dienste übernommen;damals war es die allerhöchst wohlgefällige loyaleGesinnung des Mannes, in deren Berücksichtigung erhier plaeirt und gehoben wurde. Aber das eben sinddie unleugbaren Riesenfortschritte unserer gereiftenZeit, daß sie Charaktere nach ihrem ganzen Umfangund Inhalt prüft, und daß selbst Fürsten einsehen:man sei verdammt wenig, wenn man weiter nichtsanderes als ein treuer Anhänger der Legitimität ist.Das ist schön und beruhigend, aber besser wär' esfreilich gewesen, die Strahlen einer solchen Ansichthätten bereits vor vierzehn! Jahren den Nebel derEmpfehlungen niedergedrückt, und dadurch unseremkleinen Lande die Vergrößerung des Pensionsetats um3500 fl. erspart. Rechnet man nun noch hinzu, wieeinst zu Gunsten eben dieses aufgehenden Gestirnessowohl das geheime Naths-Collegium von „Mißfälli-gen" geräumt werden mußte, als eine ähnliche Ne-movirung in den Verwaltungsbehörden vorgenommenwurde, und daß alle diese Mißfälligen (die Landtagelieferten auch ihr Theil) sich in das gemüthliche Hell-dunkel der Pension oder Sinecure zurückziehen mußten,um von dem kleinen Staatsbudget von etwa 800,000fl. eine ansehnliche Rate in angenehmer Unthätigkeitherunterzunagen; dazu noch die Masse hoher Gehaltean meist ganz unbrauchbare Individuen, die uns mitden Lasten der gotha'schen Erbschaft zufielen: und esergiebt sich das unerfreuliche Resultat, daß eine schöneSumme des Staatseinkommens auf sehr zweckwidrigeWeise angewendet werden muß. Wenn daher derWunsch entsteht, die Schaar der Unfähigen nicht nochauch durch grundlos „Mißfällige" vermehrt zu sehen;so ist dieser gewiß ein billiger, der sogar die Berück-sichtigung der nächstversammelten Kammer verdiente.Oder ist es recht, billig, daß man z. B. einen ganztüchtigen und gewissenhaften Slaatsdiener in Unthä-tigkeit versetzt und sein Gehalt beziehen läßt,, weil ihnals Hausvater das Unglück betroffen, daß seine Frau,vielleicht von einer Monomanie befallen, die Begriffevon fremdem Eigenthum vergaß und zu einem Stadt-skandal Anlaß gab? Soll es der Staat jährlich mit1200 fl. büßen, daß ein krankes Weib Lust fühltenach Dingen, die ihr nicht gehörten? — In WestenHände das nun erledigte Portefeuille übergehen dürste,
darüber herrschen bis jetzt nur Vermuthungen. Einegroße Partei, die das Interesse des Landes vor Augenhat, blickt auf den Mann, der es bereits geführt,durch Mißverständnisse und Rivalität „ mißfällig" ge-worden und seine Pension auswärts verzehrt: ichmeine auf V ah lkamp f, dessen Berufung in Aus-sicht gestellt sein soll; jedenfalls ein tüchtiger Staats-mann, dessen Wiedererweckung zur Thätigkeit gewißersprießlich und von zwei Nebenumständen begleitetwäre, die man gewiß ehren müßte: einmal Nachgie-bigkeit und Verzeihung von oben, rühmliche Fürsten-tngendcn, dann Erwägung des ökonomischen Ver-hältnisses.
Zum Schlüsse erzähle ich Ihnen noch, daß auchHildburghausen eine Gutenbergsfeier begangen hat,wobei Nonne, der fnisinmge Redacteur der Dorf-zeitung, und Bech stein gleichsam die Honneursmachten. Wenn man die Erlaubnißweigernngen inBayern und den preußischen Trauerfall hätte ahnenkönnen, so wäre Hildburghausen, mitten zwischenErfurt und Nürnberg, der rechte Ort gewesen, umeine ungehinderte fröhliche und freisinnige Feier desgroßen Gedenkfestes zu veranstalten; eines Festes,wobei leider so viele über Zechen und Schmausen ver-gessen haben, was der deutschen Presse fehlt.
Bei Bernhard Tauchnitz in Leipzig ist er-schienen: Der Freigeist. Ein Roman desneunzehnten Jahrhunderts. Von Theo-dorOelkers. Zwei Bände. Dies Werk gehörtunstreitig zu einer der interessanteren Erscheinungender Tagesliteratur, und bekundet ein bedeutendesTalent. Freisinnige und tief ernste Gedanken undBetrachtungen sind in das schillernde Gewand desRomans gekleidet, an dem wohl hin und wieder zutadeln wäre, daß eben dies Gewand zu lose und nach-lässig, die Drapirung mangelhaft, nicht kunstgerecht,das ganze Romangewand fo durchsichtig und dünne,daß überall das darunter Befindliche, zuweilen sogarzu stark hervorschaut, wodurch die Harmonie zwischendem Stoff und der Form oft unangenehm gestört wird.Johannes, die Hauptperson des Buches, gewisser-maßen ein Träger moderner Emaneipationsideen, beiwelchem dem Verfasser wohl sehr lebendig Jean Pauls„Leib geb er" im Siebenkäs vorgeschwebt hat, istindeß seinem Ahnherrn Leibgeber im Innersten wenigvergleichbar, und der Versuch, Ansichten und Meinun-gen, von denen noch nicht einmal erwiesen ist, ob sieausführbar, oder wenn solches, ob sie heilbringendund wohlthätig für die Menschheit, also das rein Ab-ftracte, als ein Vorhandenes der Novellistik einzuver-leiben, hat etwas Widersinniges. Der Verfasser gehtnämlich von dem Grundsatz aus, daß alle äußerenReligionsformen und Glaubensbekenntnisse durchausunnöthig und widersinnig, und daß nur im Abschüt-teln jeglicher Form und jeglichen Ceremoniells diewahre Freiheit zu finden sei. So stellt auch der Ver-fasser das Ehebündniß als etwas durchaus Ueberflüs-siges dar, indem er seinen Helden und seine Heldin, ei-nen Protestanten und eine Muhammedanerin, ein freiesgesetzloses Bündniß eingehen läßt, und zwar mit derUeberzeugung voller Berechtigung. Mit dieser freienEhe schließt das Ganze. Es hat etwas gar zu Uner-sprießliches, wenn die Poesie zu solchen Hypothesenihre Zuflucht nimmt.