Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
412
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G-

len, Berge von — Maculatur vermögen sienicht auszufüllen. Nicht blos auf den Saamenkommt es an, der ausgestreut wird, fast mehrnoch auf den Boden, in den er gesenkt wird.Das ewige Schreiben muß die geistigen Kräfteerschöpfen, wenn sie nicht in einem energischenLeben wurzeln und Früchte tragen können.Das ewige Lesen isolirt mehr und mehr, wirftdie Geister nur immer mehr auf sich zurück undverliert so ebenfalls die nachhaltige Wirkung.Doch ist diese ruhelose Ausmünzung des Jdeen-und Gedanken-Stoffes fähig, vorzubereiten.Es bildet sich doch jene unsichtbare Gemein-schaft der Geister, jene unsichtbare Kirche derBildung, welche nur des rechten Momenteswartet, um den ungeheuern Reichthum, derim Innern aufgestapelt ist, mit einem Schlagein ein Leben, in eine Objektivität umzusetzen,die um so energischer und ausgreifender seinmuß, je mehr sie geistige, ideelle Substanz derWirklichkeit zur Mitgift bringt. Volksthumund Öffentlichkeit ist der Boden, auf dem diePresse nicht blos ein gedrucktes Leben herzu-stellen hat.

Und wenn dann die Parteien und die Mas-sen, die Einzelnen und das Ganze sich inner-lich näher treten, um eine auf gemeinsamen,fubstanziellen Interessen gegründete Einheit zubilden, und in dieser Einheit sich zu füh len— dann wird das Johannesfeuer eines kom-menden Jahres oder Jahrhunderts zu dem Festder Presse als ,, zu einem Fest der Freiheit sel-ber" leuchten.

Einstweilen feiern nicht die Presse, sondernder Preßbengel, nicht die Literatur in ihrerEinheit mit dem Volksleben, sondern der Buch-drucker mit dem Buchhändler und Buchbinderein Fest seines Wohlergehens. , Er hat nochnie bessere Zeiten gehabt als in dem letztenJahrhundert, noch nie hat er eine so mate-rielle Macht gewonnen und gebildet, noch nieso viel gekauft und verkauft, errungen und —verloren.. Bei nur einiger Umsicht betreibtGutenbercsis Enkel das einträglichste Gewerbe,und trotz der Unzahl jährlicher Krebse wird esnicht sobald den Krebsgang gehen. Darummögen die Herren vorn Gewerke mit ihren Ge-sellen immerhin einmal einen Feiertag machenund es sich wohl sein lassen und „Nun danketalle Gott" — singen.

Aber die allgemeine Theilnahme kann demFeste nicht werden, solange die ideelle Seiteder Presse nicht volle Wirklichkeit erhalten hat.Wir mögen wohl die segenreichen Folgen derErfindung preisen, wir mögen auf die unge-heuren Wirkungen des Bücherdruckes mit Freu-dendank Hinblicken, — aber so lange es noch

so gar viel zu thun giebt, bis die Presse ihrevolle Mission theils begriffen, theils erreichthat, bis sie ein wirkliches Element des natio-nalen Volkslebens geworden ist und im Staateals dem Reiche der objectiven Sittlichkeit undFreiheit ihre freie Stellung gewonnen hat, solange darf, so lange kann die Masse derGebildeten wie des Volkes noch nicht mitfeiern.

Nur nach der Mühe des Arbeitens dieFreude des Ruhms; nur nach dem Erfolg dieBelohnung; — all das hat keine Beziehungauf unser schreibendes und lesendes Publicumals Ganzes, in welcher Eigenschaft es zurTheilnahme am Feste aufgefordert worden ist.Das deutsche Volk hat noch keinen Erfolg vonseinem geistigen, durch die Presse-vermitteltenWirken, es fehlt seinem an die Presse geknüpf-ten Leben die volle Gegenwart, darum kannes noch keinen freudigen Rückblick auf die Ver-gangenheit werfen. Wollte es mitfeiern, eswürde sich selber verhöhnen durch ein Spiel,mit dem es ihm nicht Ernst sein kann. Auchdas Spiel, auch die Freude verlangt ihrenErnst; der freieste, entzügeltste Sinn, derleichteste Schwung bedarf des festesten Grundund Bodens.

Doch wollen wir uns diesesmal „bravhalten," damit nicht jener Principal im ge-gentheiligen Fall die Drohung erfüllen muß,uns „das nächstemal nicht mehr dazu zu las-sen." Und wenn unsere Vettern in Schwaben,die Ravensburger es nicht versäumen, dieses-mal mitzumachen, weil sie es doch über hun-dert Jahren schwerlich mehr können, so sehenauch wir uns das Schauspiel an. Aber wowenden wir uns hin — nach Ost oder nachWest, nach Nord oder Süd?

Dort schlagen die Metropoliten des deut-schen Buchhandels die Zelte und Säle zu dermateriellen Begehung des Tages auf, hier ver-sammelt Stuttgart, das schwäbische Leipzig,was zünftig und nichtzünftig ist, aus Stadtund Land zu großartiger Feier des Festes, beidem es nicht an Gemüth und Humor, nichtan Wein und Gesang fehlen soll. Noch einnäheres Interesse nimmt Mainz und Straß-burg in Anspruch. Sie haben ein besonderesAnrecht, denn Gutenberg lebte und wirkte inihnen. Das eine hat ihm eben ein Denkmalgesetzt und hält an dessen Fuß die Nachfeierdes vor einem Jahre gefeierten Festes; dasandere wird sein Denkmal im Angesichts zweierNationen festlich entfalten. Wir gehen krachStraßburg. Hoffentlich erstreckt sich das Rechtder Freizügigkeit noch bis auf die deutsche,freilich mehr und mehr sich französierende Stadt.

Wenn wir da auf der Höhe des Kniebis ste-hen und dort in der weiten, weiten Ebeneden glänzenden Rhein und in ihm das riesigeMünster erblicken, wenn wir die Kanonen vonStraßburgs Wällen herüber donnern hören,möchten wir freilich die Geschichte um andert-halb Jahrhunderte rückgängig machen und nichtden Rhein, sondern die Vogesen die wirklichnatürliche Grenze des deutschen Vaterlandesseln lassen. Doch wenn wir den jähen BergHinuntersteigen, und von dessen Fuß an dieununterbrochene Ebene mit einem leichten, ge-wandten, zungenfertigen Volke durcheilen, wennwir jenseits der Brücke zwar noch die volleSubstanz des deutschen Lebens treffen, aberdoch schon so viel Leichtigkeit, Freiheit, Be-weglichkeit in Art, Leben und Sprache, wennwir endlich das französische Wesen als ein beiweitem nicht so fremdes sich darin bewegensehen, so mögen wir immerhin heiterere Rück-blicke werfen und der Geschichte zusehen, wiesie die Brücken baut, auf welcher die Völkerund Nationen — nicht blos feindlich — sicheinander nähern.

Und ist es blos zufällig, daß eine Erfin-dung, welche zur Vergesellschaftung der Mensch-heit, zur Einigung der Geschlechter und Na-tionen das leichteste und wichtigste Mittel wer-den sollte, gerade da gemacht wurde, wo sichdie hauptsächlichen Träger des modernen Le-bens nachbarlich berühren? Der Zug nach demWesten ist der Zug der Menschheit und mit ihrder Freiheit. Deutschland und Frankreich ha-ben der Presse gleich viel, jenes seine reli-giöse, dieses seine politische Freiheit zu dan-ken. Darum mag Deutschland und Frankreichin der deutsch-französischen Stadt dem Erfinderder Buchdruckerkunst die gemeinsamen Huldi-gungen bringen.

Der Staat, die Kunst, die Wissenschaftund die Kirche hat auch wirklich das Ihrigezu würdiger, solenner Begehung beigetragen.Es sollte ein Act der volleil Oeffentlichkeitsein, und der Staat ließ sich in der localen Ge-sammtheit seiner Diener vertreten. Die Wis-senschaft hat ihre Schulen, Collegien und In-stitute geöffnet, und Schüler und Lehrer, dieAkademie von Paris selbst zwei ihrer Celebri-täten gesandt. Die protestantische und katholi-sche Kirche giebt dem Feste in feierlichen Got-tesdiensten die Weihe der Religion.

(Beschluß folgt.)

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