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Französische Tageszustande.
Won Eduard Arnd in Paris.
II.
Das politische und kommerzielleLeben.
Das politische Leben, das heißt: die Ver-handlungen der Deputirtenkammer, hat, ob-gleich weniger bewegt und entscheidend, als inmanchen andern Jahren, dennoch viel Bemer-kenswerthes geboten, wenigstens mehr als indem ihm, der Form nach, verwandten Eng-land, von andern Landern nicht zu sprechen,wo das Leben der Männer so spur- und ge-räuschlos, wie das ehrbarer Matronen hin-fließt und gar nicht um seiner selbst willenvorhanden zu sein scheint. Das MinisteriumThiers hatte hier ansangs große Hoffnungenund Befürchtungen erregt. Die Einen glaub-ten, das neue Cabinet würde auf eine Reformdes Wahlgesetzes und die Abschaffung, wenig-stens eines Theiles der Septembergesetze, an-tragen, die Andern sahen im Geiste diese An-sprüche schon bewilligt und die Regierung desLandes aus einer ihrer Verschanznngen in dieandre gedrängt, ein demokratisches Ministe-rium an der Spitze des Staates, das allgemeineWahlrecht eingeführt, die Constitution von1793 erneuert und den Thron abgeschafft. Wiedies in einer Zeit des Inste-Milieu zu gehenpflegt, weder jene Erwartungen, noch dieseBefürchtungen sind bisher eingetroffen. —
Eine Maßregel der Regierung hat, wieman sich leicht denken kann, große Theilnahmeerregt, dies war der Vorschlag, NapoleonsAsche von St. Helena abzuholen und in Parisbeizusetzen. Der erste Eindruck war bei allenParteien, die kleine Anzahl Legitimisten, dieweder ihrer Zeit, noch ihrem Lande angehören,ausgenommen, ein aufrichtiger und ungetheil-ter Enthusiasmus. Nach einiger Zeit jedochfürchteten die politischen Gegner des gegenwär-tigen Ministeriums, daß dieses aus dieser Maß-regel einen zu großen Vortheil ziehen könnteund die in und außer der Kammer zahlreichePartei, welche die Möglichkeit neuer großerBewegungen und einen Kampf gegen die jetzigeDynastie für ein großes Unglück halt, begannin Napoleon von Neuem den Repräsentantender Revolution, der zuletzt alle Welt gegen siebewaffnet, zu sehen und kam allmälig von sei-ner ersten Begeisterung etwas zurück. DiesePartei fürchtete, daß die Erinnerung an dieaußerordentlichen Erfolge, welche die Franzo-sen so lang unter jenem Heros davon getragenund deren Gesammtwirkung in den Augen derMassen das Andenken an seine letzten Unfälle
längst ausgelöscht, bei dem unruhigen, neue-rungssüchtigen Geiste des Volkes, Veranlas-sung zur Bildung eines der gegenwärtigenOrdnung der Dinge feindlichen Geistes werdenkönnte. Die hohern und gebildeten Classenin Frankreich betrachten Napoleon überhauptlangst als eine rein historische Gestalt undmöchten, um keinen Preis, die Wiederher-stellung des von ihm geschaffenen Systems.Sie halten die Freiheit im Innern, die Regie-rung der Nation durch sich selbst, die ruhigeEntwicklung aller Kräfte, für rühmlicher alsalle Siege des großen Dictators mit dem Des-potismus, den er seinem Lande auflegte, ver-bunden. Das eigentliche Volk, der Arbeiterund Landmann, fühlt aber hierüber ganz an-ders. Für ihn ist Napoleon eine lebendige Ge-stalt, das verkörperte Sinnbild der französi-schen Größe und bei der Erinnerung an ihnblitzt in den Adern des gemeinen Mannes dasKriegsfeuer von Neuem auf. Da die ärmerenund niedrigern Classen des Volkes, was hiermeist gleichbedeutend ist, weder Wähler nochGeschworne sind, an der Constitution alsokeinen thätigen Theil nehmen können, dagegendie politische Gleichheit leidenschaftlich liebenund ohne sie nicht leben möchten, diese aberNapoleon wicht nur durch seine Gesetzbüchersanctionirte, sondern auch in der Armee, diedamals dieNation repräsentirte, geltend machte,so denken sie mit Sehnsucht an die Zeit unterihm zurück und begreifen die Vorzüge des ge-genwärtigen Zustandes nicht. Die wirklichfreisinnige und gemäßigte Partei fürchtet aberalle diese Vergleichungen, denn die gegenwär-tige Regierung hat Alles, nur keinen Ruhm,für sich und ihr System ist überhaupt den mitt-lern Classen günstiger, als dem eigentlichenVolke. Dies erklärt den etwas raschen Wechselin den Gefühlen der Majorität der Deputirten-kammer, als sie den Antrag der Commissionbeschränkte und sich überhaupt in ihren Jour-nalen gegen das Andenken des Kaisers etwaslau zeigte. Es wird ohne Zweifel ein großar-tiges Schauspiel sein, auf das ganz Europaseine Augen richten wird, wenn die Asche desmodernen Cäsar, von den Enden der Welt her,in der Stadt ankommen wird, wo noch so Vielevorhanden sind, die ihn von Angesicht zu An-gesicht gesehen und dies als die merkwürdigsteErinnerung ihres Lebens ansehen. —
Die Seele der gegenwärtigen Verwaltung,Thiers, obgleich auch die übrigen Minister, inihrer Sphäre, tüchtige Männer sind, balancirtzwischen der linken und rechten, billigt die !Grundsätze der erstern, erklärt aber die Zeitnoch nicht fürderenAnwendung gekommen, wo-
durch er die andre einigermaßen beruhigt, voll-führt im Grunde nichts Wesentliches, stößt aberauch, die beiden ertremen Parteien, die Legiti-misten und Republikaner ausgenommen, beiNiemand an. Wir haben die Kammersitzungenseit dem März häufig besucht und uns mit eige-nen Augen von derTaktik des Ministerpräsiden-ten überzeugen können. Er spricht sehr viel, hältnicht nur lange Reden, die man in den Journa-len lesen kann, sondern erhebt sich alle Augen-blicke, spricht von seinem Sitz aus, oder geht ei-nige Schritte in den zwischen der Tribune undden Sitzen der Deputirten freien Raum vor,aber redet sehr viel, wie die Franzosen esnennen ä, cote lle In cgiestion, ohne diese eigent-lich zu entscheiden, antwortet mit allgemeinenBetrachtungen und Sentenzen, vertröstet dieKammer aus eine baldige Lösung dieser oderjener Frage, stellt viel der Zukunft anheim,greift aber, Alles zu Allem gerechnet, selten di-rect in die Verhandlungen ein. Er ist nicht nurein praktisch geschickter, sondern auch äußerstfähiger und geistreicher Mann, denn Uebungund Gewohnheit allein verleihen nicht dieseimmer bereite Fertigkeit der Rede, die zugleicheinen großen Fonds von Urtheil und Reflerionverlangt, und eine genaue Kenntniß des Pu-blikums, zu dem man sich wendet, voraussetzt.,Herr Thiers, den sich wahrscheinlich vielefremde Zeitungsleser, besonders nach den An-griffen und Späßen seiner Gegner zu urtheilen,als einen jungen Mann, eine bewegliche Wet-terfahne , eine Art Springinsfeld, vorstellen,hat fast weiße Haare, gegen die seine dunkelnAugen und Augenbraunen charakteristisch ab-stechen, eine geistreiche südliche Bildung, ob-wohl der Form nach nicht von dem edeln Ty-pus und ein angenehmes, aber nicht sehr starkesOrgan. Seine Art sich auszudrücken, beweist,daß er ein Kenner und Meister der Sprache ist,denn er wechselt in ihren Wendungen undAusdrücken mehr, als es die meisten Rednerder Kammer thun, die, meist Advocaten, andie monotone Veredtsamkeit der Gerichtssälegewöhnt sind. Diese besitzen gewöhnlich diemeiste technische und materielle Fertigkeit derRede und zeichnen sich durch die hellsten undausgebildetsten Organe aus. Cousin, der ge-genwärtige Minister des öffentlichen Unter-richts, den wir seit zehn Jahren nicht gesehenhatten, ist in dieser Zeit allerdings sehr geal-tert und man sieht ihm die Arbeiten der lucerunuoctnrnL an, er ist braun, mager und über-haupt etwas trocken, auch ihm hört man inseinen Reden und selbst in dem wie Mechani-schen des Ausdruckes, den ausgebildeten Geistan, den ihm seine Studien verliehen haben.