Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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423
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tens ist, geschrieben, gesprochen und gestrittenwird, immer kommt man zuletzt aus die That-sache, aus den Besitz zurück. Man kann daherdie äußere Politik der Staaten, wie sie ist, nurbetrachten abseitens der That, nicht abseitensdes Rechts. Daraus folgt, daß Jeder sich ge-legentlich auf Alles gefaßt halten muß.

Der Geist bändiget die rohe physische Kraft;darum beherrscht Europa die Welt; wer in Eu-ropa gebietet, dem gehört sie: der Mittelpunktist der Sitz der Schwerkraft, wer ihn inne hat,mag leichter als jeder andere das Ganze in Be-wegung setzen; das ist's, warum nach seinemBesitze jeder Einzelne strebt. Daraus erklärtsich, warum die an den Außenseiten des euro-päischen Staatensystemes befindlichen Staatenstets nach dem Mittelpunkte Hinstreben, undwarum ihre Macht in dem Grade zunimmt, inwelchem dieses Streben von Erfolge begleitet ist;es erklärt sich weiter, warum diese Staaten einerangreifenden, erobernden Politik huldigen, wah-rend die im Besitze des Mittelpunktes sich befinden-den Völker allezeit eine vertheidigende und erhal-tende Politik befolgen; beides sind, wenn manwill, natürliche Richtungen, denen sie sich nichtentziehen können.

Seit der neueren Geschichte ist allgemachDeutschland das Herz der europäischen Civili-sation und durch seine Lage der Mittelpunkt derSchwerkraft geworden. Darum haben nach derReihe alle an den Außenseiten'des europäischenStaatensystems liegenden Staaten gegen dasselbeangekämpft, darum ist es immer der Hauptschau-platz der europäischen Kriege gewesen, darumendlich hat derjenige der äußeren Staaten, derzeitweise in Deutschland gebot, allezeit ein ent-scheidendes Uebergewicht in Europa erlangt;selbst das kleine Schweden wurde bedeutsam undmächtig, als ihm ein Theil von Deutschland zu-fiel. So wird es auch künftig sein.

Den Mittelpunkt festzuhalten ist schwerer,als ihn zu erobern, und eben so schwer ist es,von dem Mittelpunkte aus Eroberungen nachAußen hin zu machen. Der Andrang gegen ihnist von allen Seiten möglich, und während dieDränger rückenfrei kämpfen, kann sich die imMittelpunkte befindliche Macht niemals weit vonihrem Mittelpunkte entfernen, ohne die ent-gegengesetzte Seite bloßzugeben.

Darin liegt das eigenthümlich Schwierige derStellung der deutschen Staaten, und darin sindauch die Ursachen zu suchen, warum ihre Poli-tik nach Außen hin im Ganzen mehr eine verthei-digende und erhaltende sein muß.

Im Kriege giebt der festgehaltene oder er-rungene Besitz des Landes, wenn die Kräfte er-schöpft sind, den endlichen Ausschlag; darum

kann auch der endliche Sieg oder Fall eines po-litischen Systems nur auf dem Continente ent-schieden werden. Zwar auch Seemacht verleihtAnspruch auf Herrschaft; aber die Seemacht alleinvermag dem Umgreifen auf dem festen Lande nichtEinhalt zu thun, und immer größeres Umgreifenauf den: festen Lande mag zuletzt auch zahlreicheFlotten schaffen, und das Uebergewicht auf derSee ihrem Besitzer sichern. Darum ist Englandder natürliche Verbündete der konservativen Po-litik, von der es nichts zu fürchten hat, unddie ihm zugleich als Widerstandsmittel gegen diezu großen Fortschritte der erobernden Politik aufdem Continente dient. Daraus wird seine Hin-neigung zu Oesterreich und Preußen ertlärlich;es hat von ihnen nichts zu fürchten, und beidekönnen ihm nur nützlich werden, indem sie denFortschritten der anderen Mächte entgegen treten.

England ist die reichste Macht und Rußlanddas mächtigste Reich; daher der gegenwärtigenatürliche Streit beider um die Suprematie.Auf dem Lande fehlen zur Zeit die Berührungs-punkte; zur See würde Rußland erliegen. Esstrebt daher nach Ausdehnung auf dem Conti-nente, und nach der Herrschaft über die Binnen-meere, bis zu deren Anfangspunkten es gegen-wärtig erst vorgedrungen ist; eine konsequenteBefolgung seiner natürlichen äußeren Politik,und noch ein Jahrhundert ähnlicher Erfolge, wiees sie seit Peter dem Großen auf dem Lande ge-habt hat, kann Rußland auch das Uebergewichtzur See verschaffen.

Als Peter der Große die Regierung über-nahm , waren die Russen eine Nation von Bar-baren, und nirgends mit der großen Verbin-dungs- und Handelsstraße der Welt, der See,in Berührung. Sein Vordringen bis an dieOstsee, die Gründung Petersburgs, wie dieEroberung des später im Frieden am Pruthwieder aufgegebenen Afow am schwarzen Meere,seine Züge nach Polen gegen Karl XII., wo-bei ein russisches Hilfscorps sogar deutschen Bo-den betrat, deuten das Streben der russischenPolitik nach allen Richtungen hin bereits an,in welchen es bis auf diesen Tag konsequent ver-folgt worden ist.

Seit der Mitte des vorigen Jahrhundertsfingen die Russen öfters an in Deutschland auf-zutreten, und seit dem Beginne des gegenwär-tigen Jahrhunderts ist kein Krieg in Deutschlandund Europa geführt worden, an welchem nichtRußland Theil genommen hätte. Die Erfolgevon 1812 bis 1814 gaben ihm das HerzogthumWarschau, wodurch es unmittelbar, wenn auchvor der Hand noch nicht in gar zu weiter Aus-dehnung, mit Deutschland in Berührung ge-kommen ist.

Zu beiden Seiten Warschau's von fremdemGebiete eingeengt, hat es das gethan, was manin der Strategie: „ pou88sr uns pointe" nennt.Da es aber zurück weder kann noch wollen wird,so wird nichts Anderes übrig bleiben, als daßes gelegentlich die für diesen Fall gegebene Regel:„ II laut 6lar§lr la da-se" befolgt, und sich rechtsund links bis an die Ostsee und die Karpathenausdehnt, um eine breitere Unterlage für dasversprochene große slawische Reich, welches inDeutschland sich bis an die Elbe, die Saale undnach Franken hin ausdehnen soll, zu gewinnen;wo dann auch der den kleineren Staaten Deutsch-lands in der Pentarchie versprochene Schutzwegen unmittelbarer Berührung der, nach derGründung des slawischen Reiches etwa nochübrig bleibenden, deutschen Staaten kräftigergehandhabt und ausgeführt werden könnte, auchwenn letzteren die Lust dazu schlüßlich vergehensollte.

Auf der anderen Seite drangt Frankreichgegen Deutschland vor. Lothringen und Elsaß,germanische Provinzen, sind ihm schon Unter-than, und die Gelegenheit, sie wieder loszureißen,ist unbenutzt vorübergegangen. Ein Theil deroffenbar in der Auflösung begriffenen Schweizwird ihm früher oder später von selbst zufallenund seine Politiker, wie die Nation, sehen nochimmer das linke Rheinufer als Frankreichs na-türliche Grenze an, deren Eroberung sie unver-rückt im Auge behalten.

Wie steht nun Deutschland in Mitten dieserGefahren da? Wie ist seine Politik gewesen?wie sollte sie sein? Das sind die wichtigen Fragenfür uns. Sollen, dürfen, können wir ebenjener Politik folgen, die kalt und herzlos nichtdas Recht und die Pflicht, nur die Selbstsuchtund den eigenen Vortheil sucht, und gleichgül-tig, wo nicht schadenfroh, sich bezeigt, wenndas nachbarliche Dach brennt? Wir haben esgethan, und wir haben gesehen, daß nur Elend,Schmach und Erniedrigung daraus gefolgt ist.Werden wir, vor Kurzem erst aus fremderKnechtschaft durch feste Einigung errettet, derLehre vergessen, die uns geworden ist, um vonneuem ähnliche Schmach über uns zu bringen?

Inmitten des Dranges der Wogen, die im-mer mächtiger von allen Seiten gegen seine Gren-zen anschlagen, sollte Deutschland ein Fels sein,schroff, eins und fest, um den Feind zurückzu-schrecken und ihm jede Aussicht auf Erfolg schonim Voraus zu benehmen. Aber es ist zeithernur ein grünendes Eiland voller Blumen, Blü-then und Früchte gewesen, das nur durch einenhölzernen Zaun beschützt, den Fremdling einladet,sich auf ihm zu ergehen, feine Früchte zu bre-chen, und der ohnmächtigen Schutzwehr zu