416
wollen, sondern künftighin früh Morgens seinen Mu-latten hinzuschicken, der seinen Platz so lange besetzensollte, bis er selber komme. Mit diesem weisen Vor-sätze verließ Herr von St. Ange, unter dem lautenLachen der Zuhörer, den Gerichtssaal. Man sieht,von welcher Bedeutung in unsern Tagen eine Opern-tänzerin ist! Sogar Kirchenprocesse zu veranlassen!
Aus Hamburg. Die unglückliche Ent-deckung , welche sich mit der sogenannten Litera-turge schichte des hier lebenden Dr. Wihl her-ausgestellt hat, wonach sich dieselbe als ein aus an-dern Büchern frech zusammengeschriebenes Machwerkerwiesen, hat selbst in hiesiger sonst gegen Literatur-interessen so indifferenten Stadt allgemeinere Aufmerk-samkeit erregt. Je weniger im Allgemeinen die Lite-ratur in Hamburg gilt, um so eclatanter ist die Be-schimpfung , welche durch das als ganz gemeinesPlagiat erwiesene Buch des Wihl dem hiesigen Lite-ratenstande angethan ist, bei einer Bevölkerung vonKaufleuten, welche auch die geistigen Dinge nur nachder anerkannten Solidität der Firma beurtheilt. DieHamburger haben aber bei dieser Gelegenheit dasMißtrauen, welches sie langst der Firma Wihl undGutzkow erwiesen, gerechtfertigt gefunden. Be-kanntlich ist dieser Wihl einer von den Tagelöhnernder Gutzkow'schen Eitelkeit, und es war hier auf dieMeinung des Publicums der Gewaltstreich abgesehen,eine Literaturgeschichte unter die Leute zu bringen,welche, von dem Einen souflirt und von dem Andernausgearbeitet, dem niedrigsten Selbstlob fröhnen sollte.Soviel ist gewiß, daß ein achtes Talent so armseligerMachinationen nicht bedarf, als diese Leute aufwen-den, um sich in Credit zu bringen. Sehr zu bedauernist dabei der Verleger dieser Wihl'schen Literaturge-schichte, ein trefflicher und achtungswerther Mann,Hr. Aue in Altona, der ohne sein Verschulden zueinem solchen Mißgeschick gekommen, und von demman erwarten darf, daß er so viel Achtung vor demPublicum besitzen wird, um dies an seiner Moralitätgescheiterte Buch, von dem erst wenige Lieferungenerschienen, nicht zu Ende zu bringen, sowie man imTheater, bei einer schlechten und gemeinen Farce,auf das allgemeine Zischen und Pfeifen des Publicumsgern, noch ehe ausgespielt worden, den Vorhangfallen laßt. —
lü Aus derSchweiz. Die Versammlungder Gesellschaft schweizerischer Naturforscher ist aufden 24. August angesetzt und dauert 3 Tage. DerVersammlungsort ist diesmal Freiburg. Das son-derbare Naturphänomen des Feuergas aushauchendenBerges, dessen wir in einem frühern Bericht Erwäh-nung thaten, dauert fort und wird hoffentlich auchnoch sich den Nururuk 6uriosis produciren.
*** Der Dichter Eichendorff unddas Wigand'sche Conversations-Lericon.
DaS bis zum Buchstaben E (Englische Li-teratur und Kunst) vorgeschrittene Wigand'scheConversations-Lcrlcon bringt in diesem neuesten Heft,das wieder mehrere sehr interessante und tüchtig gear-beitete Artikel enthält, auch einen Aufsatz über denDichter Jos eph Frei Herrn von Eichendorff,der aber mehr einem Schmähartikel als einer beurthei-lenden Biographie ähnlich sieht. Man könnte sich
wundern, einen so liebenswürdigen und harmlosen,sonst stets unangefochten gebliebenen Dichter zum Ge-genstand eines solchen Angriffs werden zu sehen, wennman nicht gleich an dem Ton jenes Artikels merkte,welch ein Wind hier bläst, und zwar ein sehr win-diger Wind, nämlich der junghegel'sche, der noch ei-nige Backen voll vom „Manifest der Philosophie ge-gen die Romantik" übrig hatte und diese in conorotoan Eichendorff, der das Unglück hat ein romantischerDichter zu sein, abzusetzen suchte. Ach, welch' einbeneioenswerthes Loos erblüht nicht der deutschen Li-teratur durch diese Hallischen Jahrbücher - Herren, diein ihren unendlich langen Recensionen uns noch denganzen deutschen Parnaß verschlucken werden, um ihndann als absoluten Begriff wieder von sich zu geben!Die polemischen Ungeschliffenhciten Nuge's, die ersich gegen einen unserer größten deutschen Dichter,Friedrich Nückert, hat zu Schulden kommen las-sen, hatten wir ihm kaum verziehen, als er mit sei-nem gar plumpen und vandalischen Manifest gegen dieRomantik anrückte, in dem das Beste, was ervorbrachte, lauter bekannte und von Andern vorihm viel schärfer erörterte Dinge waren. Aber nichtsgleicht der Dreistigkeit, mit der diese aufgeblasenenSchüler ihre Schulweisheit auskramen! Eine großeHerablassung aber ist es von ihrer Seite, daß sie das„Manifest" nun auch durch ein ConversationS-Lericonpopulair zu machen nicht verschmähen! Das Manifestmußte doch auch angewandt werden auf die einzel-nen Erscheinungen des Tages und so fand sich einHandlanger (denn der Meister vom junghegel'schenStuhl scheint es diesmal nicht selbst zu sein) bereit,um das Experiment zu machen, und zwar an Eichen -dorff, dem Letzten (tl>s last but not tlis tonst)der romantischen Schule. Uneingcdcnk des noblenGrundsatzes: tiat oxperimsntatio in corpore vili)schneidet hier ein gemeines Schlachtmesser in den schö-nen geheiligten Leib des Dichters ein und langt ihmgewaltsam aus seinen Eingeweiden Tendenzen heraus,an die dieser in den Wäldern und Nachtigallenhainenseiner Poesie abgeschlossene Dichter nie gedacht. DieJesuiten- und Katholiken-Niecherei der Hallischen Jahr-bücher geht doch zu weit! Ueberall, wo sie nicht mitder nackten und platten Vernünftigkeit ihres sogenann-ten Begriffs durchkommen, erheben sie ein kindischesZeter über Katholicismus und Hierarchie, und sinddabei eben so untolerant wie nur jemals ein Pfaffegewesen, errichten eben so gut ihre Scheiterhaufenwie nur je die von ihnen angefochtene Partei gethan.Der Artikelmacher im Conversations - Lericon hat dasABC des „ Manifestes " recht gut memorirt. Zu An-fang hecht es: „In Halle kam dem jungen Eichen-dorss die erste Anregung zur Romantik entgegen; ent-schiedener gab er sich dieser ästhetischen undpolitis ch - moralis chen G efühlSkrankheitin Heidelberg und Wien hin." Dann folgen alle dieübrigen Redensarten, welche wir von diesen Her-ren schon gewohnt sind: „Das geniale Belieben,",,die Poesie der genialen Willkür, die sich nichtweiß," „die nicht herauskommt aus dem thie-rischen Jnstinct derbornirtesten Naive-tät (dies wird von dem herrlichen „ Taugenichts"Eichendorffs gesagt). Zum Schluß heißt es : „ Dieseverkleisterte Gemüthlichkeit, dies gemachte Traumle-ben, dieses Spielen mit der getrübten Naivetät, dieseSelbstsucht, welche aus Liebe zu abgetretenen Schlep-pen gegen die ganze Welt blind ist, ist Eigenthumder Romantik." „ Meierbeth's Glück und Ende"wird als ein romantischer Spuk gerügt, und der Bio-
graph scheint gar nicht zu wissen, welchen speciell po-lemischen Zweck damals diese allerliebste Komödie Ei-chendorffs hatte. Ein berliner Buchhändler, M. Si-mion, bereitet gegenwärtig eine Gesammtaus-gabe von Eichendorffs Werken vor, unddann wird sich ausführlicher und im Zusammenhangüber den Charakter dieses Dichters reden lassen. Wirkönnen aber dem Publicum noch ein großes und wich-tiges Geheimniß verrathen. Die Herren Rüge undEchtermeyer scheinen mit dem Conversations - Artikelüber Eichendorff doch nicht ganz zufrieden zu sein,und sollen meinen, daß ihr Handlanger das „Mani-fest " in zu weit getriebenen Konsequenzen angewandthabe. Sie würden daher, schreibt uns unser Korre-spondent aus Halle, nächstens in ihren Jahrbücherndarüber einen Artikel geben. Dies wird ein großerund rührender Moment werden. Sie sind auch Herrnvon Eichendorff, der Beitrage zu dem von Rüge undEchtermeyer unglücklich genug redigirten Musenalma-nach gab, einige Rücksicht schuldig. Wie in aller Weltkonnten aber diese Herren, welche alle poetische Ge-nialität als Willkür verachten, sich zur Herausgabeeines Musenalmanachs herablassen? ?—
Bei Johann August Meißner in Ham-burg ist erschienen: DerDiamant. EinSpielder Phantasie. Von C. Terpen. Mit Spie-len der Phantasie soll man nicht rechten, wie verwor-ren und bunt solche sich immer gestalten mögen, unddie Verfasserin hat daher wohl gethan, diesem Werkgleich das bezeichnende Wort an die Stirne zu schrei-ben , und es so gewissermaßen gegen alle Angriffe derVernunft zu sichern. Der eigentliche Roman fülltnur etwas über drei Bogen dieses ungefähr siebenzehnBogen starken Buches, das andre sind eben Traumeund Phantasiespiele. — Eine vornehme reiche Damedes vorigen Jahrhunderts, Alir mit Namen, sollnach dem Wunsche ihrer Verwandten eine Heirath ein-gehen, wodurch sie Herzogin wird. Das verlangt ihrStammbaum, den sie uns in zwölf Druckseiten vor-liest, und wornach sie ihre Ahnen als „schon tiefWurzel schlagend in Walhalla's Fabelwelt" vorführt.Sie liebt aber heimlich einen Grafen L..., dessenStammbaum ihr Onkel ihr giebt, und aus dem sie mitSchmerzen ersieht, daß er nie der Ihre werden kann,weil sein Stamm jünger ist. Um aber der andernverhaßten Heirath zu entgehen, flüchtet sie auf ihreGüter, und wird krank. Nun erzählt ihr der Dia-mant , den sie am Finger trägt, daß er eigentlich einMensch ist, und dazu ein indischer Fürst, zur Strafein den Stein gebannt und erst frei wird, wenn Je-mand aus Mitleid seinen Eigennutz überwindet, undihn ins Feuer wirst. Dann berichtet er ihr seineAbenteuer als Diamant, die alle in Indien spielen,unter den Bramahnen, Priestern und Tyrannen, undals er gerade bei Alexander dem Großen angekommen,wacht Alir auf, und erfährt von ihrem Diener, daßsie schon zehn Tage krank. Sie denkt aber, der Traumhabe ihr einen Wink gegeben, wirft den Brillant insFeuer, und schreibt an den heimlich geliebten GrafenL..., daß sie ihn liebe, er möge also so gut seinund kommen, oder sie wolle in ein Kloster gehen.Sie klingelt und verlangt vom Kammerdiener einenBoten für den Brief. Dieser verspricht ihr den neugeworbenen Diener zu senden, er erscheint, liest dieAufschrift des Briefs, sinkt der Dame zu Füßen, dieruft: Sie, Graf? —. Er erklärt, daß er ihr ausLiebe gefolgt, sie giebt ihm die Hand, und das Buch istaus. —> Die Ausstattung ist elegant und ansprechend.