Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
443
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Von dieser Zeitschrifterscheinen wöchentlich2 Nummern oder2 Druckbogen. AlleZusendungen werdenmit der Bezeichnung:

„An die Reda-ction des Piloten"unter Adresse derBuchhandlungE. F. Steinacker inLeipzig erbeten.

Allgemeine Revue der einheimischen und ausländischen

Literatur-««- Völkerzustän-e.

Herausgegeben von -er Redaction-es Freihafens.

40 .

Man abonnirtauf denPiloten für den jährli-chen PränumerationS-preiS von 8 Thlr.,halbj. mit 4 Thlr.,viertelj. mit 2 Thlr.Pr. Cour. bei allenwohllöbl. Postämternwie in jeder solidenBuchhandlung. Inse-rate werden gegen Ver-gütung von I Gr. fürdie Pctitzeile aufge-nommen , Beilagenmöglichst billig be-rechnet.

(Ausgegeben am 17. August 1840.)

Verlag von I. F. Hammerich in Alton«. ^

184 «

^ Druck von B. G. Teubner in Leipzig.

Inhalt : Geschichte eines Reisewagens. — Der Brunnen von Baktschisarai. Nach Puschkin. — Vermischte Nachrichten: Aus Leipzig (die italien. Oper).Aus Dresden (die Kunstausstellung. Die Waffercuren). Aus der Schweiz (Dahlmann's Ruf nach Bern. Die theologische Lehrfreiheit in Zürich.

Die Gesellschaft der Naturforscher. Der

Geschichte eines Reisewagens.

Wie weit noch bis zum nächsten Orte,fragte ich, gelangweilt von der eintönigenFahrt und dem nie endenden Sand der Land-straße.

Der Kutscher schaute sich nach mir um,und wiederum frappirte mich der edle Aus-druck seines Gesichts, das mich unwillkürlichan einen meiner Freunde in Ungarn, den Gra-fen Gehberg, erinnerte.

Noch drei Stunden, mein Herr, antworteteer, und der gebildete Ausdruck und Accent sei-ner Rede fiel mir wunderbar auf.

Habt Ihr die Straße schon oft gefahren?fragte ich meinen Kutscher, der mir, ich wußtenicht warum, immer räthselhafter und'geheim-nißvoller erschien.

Er sah mich mit einem halb wehmüthigen,halb forschenden Blicke an, und antwortete:Seit zehn Jahren fast allwöchentlich.

Und immer mit demselben Wagen? fragteich gähnend.

Der Mann schreckte zusammen und blicktewild nach mir um. Der Herr bewahre mich,daß ich einen andern Wagen führen sollte!sagte er halblaut, wie zu sich selber.

Und warum nicht? fragte ich, neugieriggeworden, ist nicht ein Wagen wie der andere,beide gleich viel und gleich wenig bedeutend?

lntistes Hurter). Neuigkeiten der Literatur.

Der Alte schüttelte ernst das Haupt undsagte feierlich: Das kleinste Ding ist oft vonhöchster Bedeutung, und kann über das Loosdes Menschen entscheiden! Wenn Sie die Ge-schichte dieses Wagens kennten, Sie würdenbegreifen, wie er mir von hohem, unschätzba-rem Werthe ist.

Erzählt, o erzählt! bat ich eifrig. Seht,wie mühsam und in langsam sicherem Schrittdie Pferde durch den tiefen Sand waten. Siebedürfen weder Eurer Peitsche, noch EurerAufmerksamkeit. Laßt sie weiter schleichen underzählt mit die Geschichte dieses Wagens.

Der Alte schwieg. Und warum sollte ichnicht, murmelte er dann vor sich hin, wemkann es schaden? Das Haupt zurückwerfend,sagte er lauter: Wohlan, ich will es Ihnenerzählen, grade so wie ich es vernommen habe.Fürchten Sie nicht, daß ich Sie mit einer lang-ausgedehnten weitschweifigen Geschichte belä-stigen werde! Ich will Ihnen einige Bildervorführen, wie sie die Geschichte dieses Wa-gens mir darbieten.

So sprechend ermunterte er die im tiefenSande watenden Pferde mit einigen Hü undHott, stellte die Peitsche neben sich und begann:

Der Wagen, noch ganz neu und von Nie-mand gefahren, steht vor dem Hotel des Gra-fen Gehberg in Pesth, die Pferde sind davor-gespannt und scharren unruhig und stolz mitden schlanken, zierlichen Füßen. Jetzt öffnen

sich die Pforten des Hotels, und der jungeGraf tritt heraus, an seiner Seite ein wun-derholdes, liebliches Mädchen, die verschämtund erröthend vor den glühenden, leidenschaft-lichen Blicken des Grafen die Augen nieder-schlägt. Ihnen folgt ein junger Mann in derFülle der Jugend und Schönheit, auch seineBlicke sind auf das Mädchen gerichtet, undmit welchem Ausdruck! Der Graf bemerkte esnicht, ob das Mädchen? — Diese drei bestei-gen den Wagen, der Jockei springt hinten auf,und vorwärts geht es. Man wollte einenSpaziergang nach dem Gute des Grafen unter-nehmen, das in herrlicher Gegend, unweit derStadt belegen war. Der Morgen war schönund erquicklich, die Luft fächelte mit balsami-schem Hauche die Wangen des Mädchens, daßsie höher und üppiger erglühten und bei ihremAnschauen färbte eine dunklere Gluth auch dieZüge der Männer. Einmal begegneten sich dieBlicke derselben, wie sie sich beide mit gleichleidenschaftlichem Ausdruck auf das Mädchenrichteten, der Graf erbebte und sah den Jüng-ling mit festem, durchbohrendem Blicke an, die-ser schlug die Augen nieder, das Mädchen mitThränen wandte sich ab und blickte träumendhinaus in die Gegend. Dann sprach man vongleichgültigen Dingen, scherzte und lachte, abernicht mit dem Herzen, nur mit den Lippen,eine trübe, unheilsvolle Schwüle schien über denDreien zu liegen und ihr freies Aufathmen