Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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444
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zu hemmen. Das Mädchen, das der Graf Eleo-nore, der andere junge Herr Fräulein Cousinenannte, seufzte oft so schwer und bange, alsfürchte sie sich vor nahendem Unheil, oder alstrage sie solches schon in der Brust, der Cousinversuchte vergebens mit sonst gewohnter, fro-her Laune seine Cousine zu erheitern, und derGraf, mit blitzenden Augen und zusammenge-kniffenen Lippen rollte seine zornigen Blickebald auf das Mädchen, bald auf den Jünglinghin, und beide schlugen dann die Augen zuBoden. Der Graf lächelte höhnisch und lehntesich aus dem Wagen, wie um die Gegend zuüberschauen, aber er achtete genau auf Alles,was in dem Wagen vorfiel. Als er das leiseKnistern eines Papiers vernahm, wandte ersich schnell um, und ehe Eleonore es hindernkonnte, faßte er ihre Hand, mit der sie so ebenein zierlich zusammengefaltetes Briefchen ver-bergen wollte, nahm das Papier und öffnete es.

Das Mädchen, todesbleich, sank mit einemlauten Aufschrei zurück, der Jüngling blicktekühn dem Grafen ins Angesicht, der zitterndvor Wuth und grinsend, wie die Hyäne esthut, wenn sie sich auf ihre Beute stürzen will,ihn anstierte. Dann sagte der Graf mit wie-der gewonnener Ruhe und Fassung: MeineBraut und baldige Gemahlin konnte keinentreuern und ergebnem Freund finden, als ih-ren Cousin, den Herrn von Wellen. Ich ent-sinne mich, daß sie erst gestern den Wunschäußerte, diese schöne Stelle (dabei deutete derGraf auf das Papier, das er in seiner Handhielt) aus dem neuen englischen Roman über-setzt zu haben, und heute schon ist dieser ihrWunsch erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen zudanken, lieber Cousin, für die gütige Berück-sichtigung der Wünsche meiner Braut. Siehätten aber Ihren Namen nicht darunter setzensollen, Bester, da könnte man glauben, es seienWorte Ihrem Herzen entquollen, währendesdoch nur die Uebersetzung einer Seite aus ei-nem Roman ist. Wie hieß doch gleich dasBuch, Eleonore? wandte er sich an diese, diebetäubt, ihrer Sinne kaum mächtig in der Eckedes Wagens lehnte. Wie hieß das Buch?fragte er drohender.

Ich weiß es nicht, stammelte sie.

Ich glaube, es hieß Verrath und Rache,sagte der Graf lächelnd, und als in diesem Au-genblick sein hohes weißes Schloß am Endeeiner Allee, in die man so eben einfuhr, sicht-bar ward, fuhr er fröhlicher fort: O, da sindwir zur Stelle, meine schöne, holde Braut. Esist dies das letzte Mal, daß Du dies Haus alsBraut betrittst. Du mußt Abschied nehmenvon Deinem frühern Leben, von Deinem Mäd-

chenthum und dessen Erinnerungen, denn mor-gen, weißt Du, ist unser Hochzeitstag.

Das Mädchen seufzte, der junge Mannblickte sie an mit Schmerz und Verzweiflungund der Graf betrachtete sie beide mit spötti-schem, wildem Ausdruck.

Der Wagen hielt vor dem Schloßthor,Eleonore sank in die Arme ihrer Mutter, diesie hier erwartet hatte, und während sie mitdieser vorwärts schritt, flüsterte der junge Wel-len in des Grafen Ohr: Bestimmen Sie Zeitund Stunde, und die Art der Waffen.

Der Graf erwiverte kalt: Wozu denn das,mein lieber Cousin? Wegen Ihrer Uebersetzungetwa? Behüte der Himmel, daß sich zwei ver-ständige Männer um solche Bagatelle entzweiensollten! Vorzüglich am Tage vor der Hochzeit.

Das ist mein erstes Bild, sagte mein Kut-scher und wandte sich nach mir um; sein Gesichthatte sich wunderbar verändert, seine Wangenhatten eine fahle Blässe angenommen und seineLippen zitterten, als er sagte: Sie müssen ge-stehen , die Lage des Grafen war nicht benei-denswerth.

Mehr noch bedauere ich das arme jungeWeib, das gewiß nicht aus freier Wahl desGrafen Braut geworden.

Eilt jeder nach seiner Weise, antwortetemein Kutscher und warf auf mich einen grim-migen, wilden Blick unter seinen buschigenAugenbraunen hervor. Jetzt kommt das zweiteBild, sagte er dann nach einer Pause, undnachdem er seinen Pferden mit der Peitschenoch einen Hieb gegeben, der aber in dem tie-fen Sande nichts fruchtete, fuhr er fort:

Zwei Tage später hielt wieder der Wagenvor dem Hotel und harrten die Diener aufden Grafen und dessen junge Gemahlin, dieTags zuvor die Seine geworden war.

Hörtest Du den Schrei gestern in der Kirchewährend der Trauung, fragte einer der Die-ner den andern, es war furchtbar und grausiganzuhören.

Wohl hörte ich ihn, antwortete der An-dere, und ich sah auch, wie gleich darauf diebleiche Braut, nachdem sie das Ja gesprochen,ohnmächtig zur Erde sank. Aber still!

Die Pforten des Hotels öffneten sich undder Graf trat heraus, seine junge Gemahlinfolgte, trüben Auges und blassen Angesichts.

Schweigend reichte er ihr den Arm, hobsie in den Wagen, setzte sich neben sie und derWagen rollte fort.

Die junge Frau blickte mit schwermuths-vollen Mienen hinaus in die Ferne, und zer-drückte die Thränen, die sich, wider ihren Wil-len vielleicht, in ihre Augen drängten, die

Seufzer aber, die aus ihrer Brust hervor-quollen mit zitterndem Weh, konnte sie nichtverbergen, es hätte ihr das Herz zersprengt.Der Graf betrachtete sie eine Weile mit zorni-gen, giftigen Mienen, dann zog er aus seinerBrieftasche ein beschriebenes Blatt hervor, undden Arm seiner Gemahlin unsanft berührend,fragte er: Kennst Du dies Blatt?

Sie schreckte zusammen und nickte leise mitdem Kopfe.

Ich habe Dich aber um den Inhalt dessel-ben betrogen, fuhr der Graf mit ruhiger Kältefort, wenn ich nicht irre, hattest Du es nochnicht gelesen, als ich so glücklich^war, es voreinigen Tagen hier an dieser selben Stelle Dei-ner schönen Hand zu entreißen. Erlaube da-her, daß ich es Dir vorlese, dies zierliche, lieb-liche Briefchen.

O nur das nicht, nur das nicht! flehte dasjunge Weib mit Thränen in den Augen, undsuchte mit ihren Lebenden Händen den Grafenfestzuhalten.

Ich will es, donnerte der Graf, daß selbstdie Pferde davor erschraken und in raschermTrabe weiter flogen. Die Gräfin sank wievernichtet zurück und der Graf las mit grau-samer, zärtlicher Betonung: Eleonore, meineGeliebte, mein Weib! Nur noch Ein Tag istunser, fliehe mit mir, komm, o komm, fernvon Deinen habgierigen Verwandten, derenOpfer Du geworden, wollen wir fliehen, fernevon dem Tyrannen, der lächelnd und höhnendmit mörderischer Hand in Dein zuckendes Herzgreift und in das meine, wollen wir fliehen.Eleonore komm, es bleibt Dir keine Wahl,Du bist mein Weib, darfst keinem Andern an-gehören. Alles ist zur Flucht bereit. In dieserNacht noch müssen wir entfliehen. —-

Es war ein Unglück, Madame, sagte derGraf, als er das Blatt zu Ende gelesen, daßich es bekam, ehe Sie seinen Inhalt kannten.Vermuthlich würden Sie sonst jetzt in glückse-liger Freiheit, ein girrendes Täubchen, amHerzen ihres zärtlichen Seladons ruhen, instiller einsamer Hütte, in der Ferne und Weite!Ein Unglück für Sie, aber ein Glück für mich,daß ich dem flüggen Taubenpaar die Flügel ge-bunden und verschnitten.

Eleonore richtete sich aus ihrer Erstarrungempor, und fragte bebend und doch muthvoll:Wo ist Armand?

Auf einer Reise begriffen, wie Sie selbst eswissen, holdselige Gemahlin, auf einer Reise,die er gestern, gleich nach unserer Trauung,und zwar allein angetreten, und von der er erstnach vier Jahren zurückkehren wird.

Die junge Gräfin faßte heftig des Grafen