Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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448
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422

Sonst, sieh', und müßt' ich dich auch .... Bei'm ....so weiß ich diesen Dolch zu führen;ich bin am Kaukasus daheim! ^ —

Sprach's und verschwand. — Ihr nachzuspüren,erstirbt Marie'n der Muth im Keim:

DaS fromme Mädchen faßte nimmerder qualvoll'n Leidenschaften Wort;nur dunkel blieb sein Klang ihr immer,gar seltsam bänglich fort und fort.

Wie wird ihr Weinen, Flehen, Bebender Schmach sie, die ihr droht, entheben?

Was harret ihrer? Wehe, weh'!

Der Jugend Zeit voll Gram und Weh',als schnöde Buhlin zu verleben?

O güt'ger Gott! Wenn doch Girejin ihrem stillen Kerkerleben-vergäß' der Aermsten immerdarentweder, oder endet' ebenihr Dasein lust- und freudebar!

Wie willig doch Marie erfunden,die Welt voll Leiv zu lasten, war'!

Ach, ihres Lebens theure Stundenfind lang' dahin, sind lang' nicht mehr!

WaS beut dir noch die Oed' hienieden?

Die Zeit ist da; schon harrt man dein:in's Himmels Schooß, zu seinem Friedenladt's dich mit heim'schem Lächeln ein!

Viel Zeit ist hin — mit ihr Marie:ein Augenblick ihr Ruh' gewährte;die langersehnte Heimath sie,ein neuer Engel hold verklärte. —

Was aber brach ihr junges Herz?

War's hoffnungsloser Knechtschaft Leiden?

War'ö Siechthum? War's ein andrer Schmerz?Wer sagts? Die Holde mußte scheiden!...

Das düstre Schloß nun öde stand;

Girej floh wieder dessen Hallen,mit seinen Tatarn fremdes Landergrimmt auf's Neu' zu überfallen,aufls Neu' ins Kampfgewühl mit Machtvom düstern Blutdurst hingezogen.

Doch tief im Herzen angefacht,unlöschbar and're Gluthen wogen,daß in verhängnisvoller Schlachtoft, wie den Säbel er geschwungen,mit eins im Schwung' er starr verharrt,wahnwitzig stier rings um sich starrt,erbleicht, wie jähen Schrecks durchdrungen,leis' Etwas murmelt, und zuletztein heißer Thränenstrom ihn netzt.

Vergessen jetzt, verschmäht für's Leben,das Harem nie sein Antlitz schaut;und, allen Qualen preisgegeben,des alten Hämmlings Huth vertraut,die Frau'u dort altern. Unter ihnender Grusierin man kaum noch denkt,seit die, so stumm im Harem dienen,in Wasserstiese sie versenkt:

D i e Stacht, in der Marie erblich,schloß auch i h r Leid im langen Schlafe. —

Wie das Vergehn auch fürchterlich,entsetzlich grau'nvoll war die Strafe!

Verheert sind nun mit Kriegesbrandevom Chan Kaukasien's Nachbarlandeund Rußland's frieberfüllte Triften.

Jetzt kehrt nach Taurien doch sein Sinn.

Hier stellt, Marie' n ein Mal zu stiften,er einen Marmorbrunnen hin,entlegen in des Schlosses Winkel;und unter'm Kreuz darüber throntdes Muselmannes halber Mond —ein Sinnbild, wahrlich voll von Dünkel,erzeugt durch Einfalt, trüb' und graus —mit einer Inschrift: Jahre nimmer,ob scharf auch, tilgten je sie aus.

Bei dieser Zeichen fremdem Schimmerim Marmor rieselt hier die Fluthund tropft in kalten Thränen immer,schweigt niemals, wie sie niemals ruht:

Also durchweint die Trauertage

die Mutter um den Sohn, der blieb....

Doch Taurien's Jungfrau, hold und lieb,auf die vererbt der Vorzeit Sage,nennt drum das Mal, das von ihr blieb,den „Thranenborn" noch heutzutage.

Theobald Wolkoff.

Vermischte Nachrichten.

(D Leipzig, den 29. Juli 1840. —Die italienische Oper. — Das kunstsinnigePublicum Leipzigs wurde in den kürzlich vergangenenTagen durch fünf Vorstellungen der italienischenOperngesellschast des Sigr. Merelli erfreut. DerCyelus der Darstellungen wurde mit der Oper:I'Lllisirs ck'amore von Donizetti eröffnet; dieserAbend gewann also noch außerdem ein Interesse dar-an , daß wir hier in Leipzig auch einmal eine Doni-zetti'sche Oper hören sollten, was bisher noch nichtgeschehen war. Was die Musik anbetrifft, so ist sie,außer einigen hübschen Nummern, doch sehr trivialund nichts als eine Nachtreterei hinter Bellini,so wie dieser wieder ein matter Abglanz des genialenRossini ist. Die Ausführung fiel weit über dieErwartung aus, Sigr. de Bezzi sang den Nemo-rino, und obgleich der Stimme dieses Sängers diejugendliche Frische fehlt, so hat derselbe doch eineso vortreffliche Schule, ein so lebhaftes Spiel, daßman gern den Mangel übersieht. Ich für meinenTheil höre viel lieber einen Säuger, der bei einerweniger schönen Stimme eine so vortreffliche Schulebesitzt, als einen mit vielen Mitteln, die er nichtanzuwenden versteht. Dasselbe läßt sich von derSignora Mazza (Adina) sagen; auch sie hat keineStimme, die man absolut schön nennen könnte, aberihr leichtes, unmuthiges Spiel, ihre große Gewandt-heit der Stimme söhnen mit dem weniger glücklichenAeußeren vollkommen aus; ein Hauptfehler dieserSängerin ist jedoch, daß sie bisweilen etwas deto-nirt, was ihrem übrigens anmuthigen Gesänge vielSchaden thut. Sehr brav in jeder Hinsicht warHerr Paltrinieri als Dottor« Oulcumuru. Die-ser Sänger hat eine schöne, weiche Stimme, lebhaf-ten und charakteristischen Vertrag und ein höchst ge-wandtes Spiel. Die erste Arie sang er mit einerLebhaftigkeit, wie man sie wohl sehr selten bei einemdeutschen Sänger finden wird. Herr Polonini(Sergent) war ebenfalls sehr brav und ließ nichtszu wünschen übrig.

Die zweite Vorstellung war !l öarlliere <li 8e-vißliu; ich hatte dieses geniale Werk des Schwanes>. von Pesaro seit einer Reihe von Jahren nicht gehört

und es war mir daher schon ein Genuß, diese liebenbekannten wie Champagner-Schaum sprudelnden Töneeinmal wieder zu vernehmen. Die Aufführung warim Ganzen lobenswerth, nur war Herr de Bezzi hin-sichtlich des Spiels kein Graf Almaviva und HerrPasca durchaus kein Bartolo, wie er sein sollte.Beide sangen diese Partien sehr brav, aber vorzüg-lich das Spiel des Letzteren war keineswegs dem Cha-rakter angemessen. Der vottors öartolo ist einekomische Figur, ja man könnte sagen eine Caricatur,schon die äußere Erscheinung muß Lachen erregend sein.Das war aber hier nicht der Fall; Herr Pasca warviel zu steif, viel zu wenig gewandt zu dieser Rolle,auch hatte er ein Costüm gewählt, welches nicht rechtpaßte. Der Bartolo hat seine eigenthümliche, welt-bekannte Maske, ebenso wie der Pantalon undPierrot in der italienischen Komödie, und es ist wirk-lich zu verwundern, daß Herr Pasca als Italienerdies außer Acht gelassen. Auch sang Herr Pascaseine schöne Arie in Ls nicht, sondern legte eine an-dere ein, die unmöglich von Rossini sein konnte, son-dern jedenfalls das Product eines neueren Maestrowar. — Ausgezeichnet waren jedoch Signora deBezzi als Bertha und Sigr. Polonini als Basil.Beide carrikirten diese Figuren mit vielem Glück undächt italienischem Humor.

Am dritten Abend gab man den ersten Act desLarlliere und den zweiten des Liebestranks noch ein-mal, Herr de Bezzi sang in der letzteren Oper zumgroßen Jubel des Publicums seine Arie deutsch. HerrPolonini hatte diesen Abend das Unglück etwas heiserzu sein, was in der zweiten Abtheilung noch schlimmerwurde, so daß er zuletzt fast keinen Ton mehr heraus-bringen konnte. Dies hätte nun doch wohl von demPublicum mit einer billigen Rücksicht betrachtet wer-den sollen, da Herr Polonini die beiden Abende vorhergenugsam gezeigt hatte, daß er ein verdienstvollerSänger ist ; aber sollte man es denken! einige sehrvorlaute Herren im Parkett machten es sich zum Ver-gnügen, laut darüber zu lachen! Es zeigt dies nurzu deutlich, welch' einen Begriff solche Leute vonGesang und von der Kunst überhaupt haben. Wares doch schon wirklich eine große Artigkeit gegen dasPublicum, daß Herr Polonini, um die Vorstellungnicht zu stören, weiter sang; ein anderer Sängerhätte dies schwerlich gethan. — Es sollte diesenAbend auch noch der zweite Act der Imcrerüu Borgingegeben werden, mußte leider aber unterbleiben, weilHerr Nulli ebenfalls heiser geworden war.

Als vierte Vorstellung sah man den Belisarlvvon Donizetti. Diesen Abend zeigte uns erst HerrMerelli die eigentlichen Glanzpunkte seiner Gesell-schaft. Die Titelrolle sang Herr Nulli; abgesehenvon der üblen Gewohnheit, die tieferen Töne zu sehrdurch die Zähne zu singen, war er in jeder Hinsichtvollkommen. Dieses Spiel, diese Schule verbundenmit dem antik-römischen Aeußeren mußte natürlich dasPublicum hinreißen. Besonders groß war er in demersten Finale und in dem Duett, wo er geblendetseine Tochter wieder findet. Seine Gattin SignoraSchiero-ni-Nulli ließ ebenfalls nichts zu wün-schen übrig. Ihr Glanzpunkt war die große Arie mitChor, womit die Oper schließt. Dasselbe gilt auchvon Signora Cassiani (Irene). Beide Damenwaren so liebliche Erscheinungen, daß sie gewiß nochlange in der Erinnerung des Publicums leben werden.Herr Bezzi, der diesen Abend drei kleine Rollensang (Lutropio, Lussbio und den Heerführer derBulgaren), verdient ebenfalls alles Lob.