Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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453
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bereits seinen Arm nach Schweden und Däne-mark aus, und sein Uebergewicht wird mit derZeit immer entschiedener hervortreten, undPreußen sich immer mehr und mehr von kon-stitutionellen Staaten umringt sehen.

Ist es nun unter solchen Umständen nichtvorauszusehen, welchen Weg in der Folgezeitauch Preußen einschlagen werde, ja einschla-gen müsse, wenn es nicht Gefahr laufen will,die Früchte so vieler Anstrengungen, die es ge-macht, so vieler Opfer, die es gebracht hat,wiederum zu verlieren?

vr. F. S.

Geschichte eines Reisewagens.

(Beschluß.)

Hier schwieg der Kutscher. Schauderndrief ich aus: Wehe über diesen Barbaren! dieRache wird ihn ereilen.

Der Kutscher aber blickte nach mir um,und ich erbebte vor dem Ausdruck seines Ge-sichtes, dessen verzerrte Züge mich mit wahn-sinniger Wuth angrinseien. So rächt sich einMann von Ehre! sagte er dann ruhig. Aufeben der Stelle, wo Sie jetzt sitzen, saß dasWeib, das ihrem Gemahle fluchte, und dochhatte er nichts gethan, als was er mußte, erhatte seine Ehre gerächt.

Und die Rache wird ihn selber ereilen!rief ich unwillkürlich. Der Mann sah michmit einem stechenden Blicke an, und sagte: Wirwerden ja sehen! Ich komme jetzt zu meinemdritten Bilde. Hören Sie weiter!

Mein drittes Bild ist ein Jahr später.Eleonore, von der man sagte, sie sei an einemhitzigen Fieber gestorben, lag in der Familien-gruft, Armand's Gebeine moderten im Burg-verließ. Der Graf hatte eine zweite Gemahlin,ein junges, schönes Weib, das er liebte mitaller Leidenschaft eines Jünglings, in derenArmen er Alles, selbst die Vergangenheit, ja,selbst das Todesröcheln seiner ersten Gemahlin,selbst ihre letzten Worte, die einen furchtbarenFluch für ihn enthielten, vergaß, und in derenArmen er zu gesunden meinte von den schonerwachenden Qualen des Gewissens. Daswar gleichsam der Rahmen zu meinem Bilde,wandte der Kutscher sich nach mir um, eineglänzende Einfassung von Glück zu meinemNachtstück. Jetzt kommt das Bild.

Schwarze, schweigende Nacht ruhte überder Gegend, und verhüllte die Zimmer undThürme des alterthümlichen Schlosses, in demGraf Gehberg mit seiner jungen Gemahlinwohnte. Keine Lichter erhellten mehr die go-

thischen Fenster des Schlosses, nur aus demniedrigen Fenster des Schloßwarts glänzte eintrübes Dämmerlicht, Alles schlummerte. Wenndas Auge aber sich an die Dunkelheit gewöhnt,gewahrte man vor einem Pförtchen, sorgsamhinter einen vorspringenden Thurm verborgen,einen mit vier Pferden bespannten Wagen.Diesen Wagen, Herr! Der Schlag war geöff-net, und ein Mann lehnte daneben. Jetztward leise und behutsam die Pforte geöffnet,und eine weibliche Stimme flüsterte: Henry!

Hier bin ich, antwortete der Mann, undfaßte das verhüllte Weib in seine Arme. HatNiemand Dich bemerkt? fragte er dann, dieDame in den Wagen hebend.

Niemand! Mein Gemahl schlief, und vonNiemand gesehen, schlüpfte ich über den langenCorridor. Mir schauderte aber, Henry, alsich durch den Ahnensaal ging, und es schienmir, als blickten die ernsten, hohen Gesichterdräuend zu mir hernieder!

Erhole Dich an meinem Herzen, sagte derMann, und setzte sich zu ihr in den Wagen.Jetzt vorwärts, Jean, aber leise und behutsam.

Der Wagen rollte fort, anfangs langsam,um jedes Geräusch zu vermeiden, dann inschnellem Trab. — In der Ferne verschwanddas Geräusch, dann ward Alles still, schwarzeNacht und Todesschweigen ruhte wieder überdem Schlosse, aber nur einen Moment, —dann zeigte sich Licht an einem der Fenster,dieses ward klirrend geöffnet, und der Grafrief mit wuthbrüllender Stimme: Hallo, Ba-ptiste, Jean, hallo, mein Pferd!

Jetzt ward es lebendig auf dem Schloßhof,schlastrunkne Bediente taumelten mit Laternenzum Pferdestall, und führten des Grafen Ren-ner heraus. Nach einigen Minuten kam dieserselbst, nur halb angekleidet, bleich und zit-ternd auf den Schloßhof, schwang sich auf'sPferd, und sprengte davon, unaufhaltsam,rasend. Eine Strecke ritt er im fliegendenGalop, dann hielt er an, und schien zu hor-chen. Ganz in der Ferne vernahm man dasRollen eines Wagens, der Graf athmete er-leichtert auf, und murmelte: Die Kammerfrauhat mich also nicht betrogen. Sie hat diesenWeg eingeschlagen!

Dann, in rasender Eile flog sein Pferdweiter, weiter. Immer deutlicher, immernäher vernahm der Graf das Geräusch desFahrens, er strengte sein Auge an, daß dasBlut hineintrat, umzusehen, um durch diedicke verhüllende Nacht die Gegenstände um ihnher zu unterscheiden. Das Wagengeräuschkommt näher und näher — jetzt, ja jetztgewahrt er deutlich nahe vor sich die dunklen

Umrisse eines Wagens. Ein Freudenschrei,ein solcher, wie der Hurone ihn ausstoßenmag, wenn er bei nächtlicher Weile das La-ger des Weißen überfällt, trat auf seine Lip-pen, der Graf drängte ihn zurück, setzte sei-nem keuchenden Roß die Sporen in die Wei-chen und bald war er zur Seite des Wagens.

Halt! donnerte er mit lauter, gebietenderStimme.

Ein Schrei des Entsetzens erschallte ausdem Wagen, und ein Mann rief: Fahre, fahrezu, Kutscher, schlage auf die Pferde ein, fahre!

Halt, oder ich schieße! donnerte der Graf.

Fahre zu! rief der Andre.

Jetzt das Aufblitzen des Pulvers, dasKnallen der Pistole, — der Schuß war ge-fallen, — die Pferde flogen weiter in rasen-dem Lauf. Der Graf ereilt sie wieder. Nimmauch dies noch! brüllte er, und ein zweiterSchuß drang in den Wagen!

Jetzt schrie man aus dem Innern desselbenhervor: Halt, Halt! — Der Wagen hielt, derGraf ritt heran, wuthschnaubend, nach Blutlechzend. Schändliches Weib! brüllte er, Ver-führer und Verräther, kommt heraus, zeigtEuch mir!

Niemand antwortete, nur dumpfes Stöh-nen und Aechzen drang an das Ohr desGrafen.

Licht her, schnell Licht! befahl er demKutscher.

Man zündete die Lichter an, '— der Grafstieg vom Pferde und trat an den Schlag. —Sein Schuß hatte nur zu gut getroffen, denner war dem Verführer grade durch den Kopf ge-gangen, dem Verführer, der kein Anderer war,als des Grafen eigener Bruder, mit gebrochenenAugen lag er da, und das bleiche Weib nebenihm, nichts beachtend, selbst nicht den Grafen,ihren Gemahl, stierte mit weit aufgerissenenAugen in die vom Tode verzerrten Züge ihresLiebsten. Der Anblick war so furchtbar, daßselbst der Graf es nicht ertragen konnte. Erwarf sich auf sein Pferd, befahl dem Kutscher,umzulenken zum Schlosse hin, und sprengtedahin, die Straße, die er gekommen.

Nicht wahr, das ist ein Nachtstück, sagtemein Kutscher, eins, das Einen zittern machtvor Frost, wenn man's vernimmt.

Entsetzlich, schrecklich! rief ich, erbebendvor dem Vernommenen. Starb des GrafenBruder wirklich?

Der Schuß war grade durch den Kopf ge-gangen, da mußte er wohl sterben. —

Und die unglückliche Frau?

Sie war wahnsinnig geworden! sagte meinKutscher einsilbig, und hieb aus die Pferde ein.

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