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Schweigend fuhren wir einige Zeit, ichimmer erwartend , er werde von Neuem begin-nen, er, wie es schien, in tiefe Gedanken ver-sunken.
Und das Ende? fragte ich endlich!
Er schreckte zusammen. Ach so, ja dasEnde! sagte er dann mit trockenem Lachen.Ihr wollt auch noch das Ende wissen. Nunwohlan, Ihr sollt es haben, aber kurz, ge-drängt, denn wir sind bald am Ende unse-rer Fahrt. Es kommt also jetzt mein viertesBild.
DieSache machte, wieSieleichtdenkenkön-nen, Aufsehen, die allgemeine Stimme nannteden Grafen einen Mörder, einen Brudermör-der, obgleich er nichts gethan, als seine Ehregerettet. Die Justiz mußte endlich, so gernsie es vermieden, denn die Familie des Grafengehörte zu den Ersten des Landes, doch von derSache Notiz nehmen, und der Graf ward vorGericht gefordert. Man warnte ihn aber vor-her, um ihm Zeit zu lassen, zu entfliehen, undso die Sache zu unterdrücken. Der Graf aberentfloh nicht, — sein Gewissen war erwacht,mit furchtbarer, rasender Gewalt erwacht, wo-hin er die Blicke wandte, glaubte er die imTode gebrochenen Augen der von ihm Gemor-deten zu sehen, vor seinen Ohren ertönten fortund fort die Todesseufzer seiner Opfer, und dieVerwünschungen, die sie über ihn ausgeschüttet.Der Fluch eines Sterbenden, sagt man, ist vonmächtiger Gewalt, und zermalmt den Ver-fluchten. Der Graf empfand, daß man dieWahrheit sagt. Er fühlte sich gebrochen undgelähmt, mit dem Dasein abgeschlossen, undhatte dennoch nicht die Kraft zu sterben, denn erbangte, in einem Jenseits diejenigen wieder zufinden, die er im Diesseits getödtet, ihre Augen,ihregebrochenenAugendort wieder zu sehen, dieFlüche, die sie mit bleicher Lippe auf ihn herabgeschleudert, wieder zu vernehmen. Er wollteaber auch nicht von weltlichen Richtern gestraftwerden, er wollte sich selber strafen, eine aus-gesuchte , nie endende Buße wollte er sich auf-erlegen, und an seiner Pein nagen ein ganzesLeben lang. Eine Stunde vor der zum öffent-lichen Verhör festgesetzten Zeit ließ er den Rich-ter zu sich bescheiden, und verschloß sich mitihm in seinem Zimmer. Nach mehreren Stun-den erst verließ der Mann der Justiz das Zim-mer, bleich und bebend, mit ernsten, verstörtenMienen. Wenige Stunden darauf hieß es, derGrafsei gestorben, man wuß?e nicht, ob einesnatürlichen Todes, ob an Gift. Der Justiz-beamte, mit dem er so lange gesprochen, über-nahm alle Anordnungen, die im Schlosse nö-thig waren, und befahl, einem vorn Grafen
zurückgelassenen schriftlichen Befehle gemäß,daß Niemand in das Sterbezimmer gelassenwerde, Niemand die Leiche sehen durfte. Derprächtige, mit Silber beschlagene Sarg wardin das Vorzimmer getragen, der Justizbeamtelegte die Leiche — also befahl es das Schrei-ben des Grafen — allein in den Sarg undschloß und verriegelte diesen. Dann befahl erdie feierliche Bestattung der Leiche ganz so, wieder Graf es geschrieben.
So weit meine Randzeichnungen, sagteder Kutscher, jetzt kommt das eigentliche Bild.
Abend ist es, vom Schloßthurme tönt dasTodtengeläut, auf dem Hofe sind die in Trauergekleideten Diener versammelt, aber in ihremHerzen ist keine Trauer, und sie spotten undlachen über den Gestorbenen, den sie jetzt zurGruft geleiten sollen. Die brennenden Fackeln,die sie in den Händen halten, werfen einengrausig hellen Lichtschein auf den Wagen, denbekannten Wagen, der unter dem Schloßportalsteht, mit vier schwarz befangenen Pferden be-spannt.' Auf dem Bocke sitzt der Kutscher,im schwarzen Trauermantel, den Hut tief, tiefins Gesicht gedrückt, das schwarze Gewand hochübers Gesicht in die Höhe gezogen. Es warnicht einer von den bekannten Dienern des Gra-fen, sondern der Justizbeamte hatte gesagt, daßes sein Kutscher sei, und in dem Testamentedes Grafen stand der Wunsch, seine sterblichenkleberreste möchten von diesem, und zwar indem wohlbekannten Wagen zur Gruft geleitetwerden.
Jetzt ward der schwere Sarg hinein geho-ben, der Beamte setzte sich daneben, auf eingegebenes Zeichen begannen die Musici denTrauermarsch und setzte sich der Zug in Be-wegung. Bald war man zur Kirche und Fa-miliengruft gelangt. Bei Fackelschein undunter Priestergesängen ward der Sarg in dasGewölbe hinab gesenkt und die Pforten dannwieder geschlossen. Die Diener zerstreuten sich,Niemand Anders, keiner von des Grafen Fa-milie hatte dem Leichenbegängniß beigewohnt.Oede und stille war Alles umher, der Wagenallein hielt noch da, mit seinem stummen, be-wegungslosen Kutscher. Der Justizbeamtehatte noch einen Augenblick länger verweilt,— als er ganz allein war mit dem Kutscher,wandte er sich zu diesem hin, und sagte: LebenSie wohl, und Gott stärke Sie zu Ihrer schwe-ren Buße! —-
Er wollte dem Kutscher die Hand geben,dieser nahm sie nicht, sondern sagte: Die Handeines Mörders darf sich nicht in die eines Rei-nen legen. Gehen Sie!
Der Beamte ging, ohne umzuschauen.
Als auch dieser verschwunden war, stieg derKutscher herab von seinem Sitz, kniete nieder,küßte den Boden, und sagte: So lebe wohl, duheimathliche Erde! Ich bin gestorben, und habemich selbst zur Gruft geleitet. Jetzt gehe ichhin, meine Buße zu erfüllen! Und diese Bußesoll sein, als Führer dieses Wagens, diesesunheilvollen Wagens mein Leben hinzubrin-gen. So schleppe ich, ein Gestorbener, undnoch Lebender, meine Sünde und mein Gewis-sen mit mir durch alle meine Tage, und jedesRollen dieser Räder wird mir wie das Don-nerrollen des ewigen Gerichtes ertönen. Duaber, o Gott, wirst du dereinst mir verzeihen,wirst du, um der schweren Buße willen, dieSünde verzeihen?
Lange noch lag der Graf auf seinen Knienim heißen Gebet, dann stand er auf, bestiegseinen hohen Kutschersitz, trieb die Pferde an,und fuhr hinaus in die dunkle Nacht, der Graf— ein Miethskutfcher geworden.
Sie riefen Rache und Vergeltung hernie-der auf den Grafen, sagte mein Kutscher, undseine Augen blitzten wild, sind Sie nun zufrie-den mit dieser Rache?
Ich wagte nichts zu erwidern, sondernschlug die Augen nieder.
Der Kutscher lachte, — aber es zerschnittmir die Seele, dies Lachen und ich fürchtetemich fast vor dem räthselhaften Manne, nachdessen Namen zu fragen mich eine unüber-windliche Scheu verhinderte. War er derGraf? Oder hatte er die Geschichte nur ver-nommen?
Ist die Geschichte hier zu Ende? fragte ichendlich.
Sie könnte noch durch einige Jahre weiterspielen, und manches interessante Bild könnteich Ihnen noch malen. Manches Liebespaarhat der Graf gefahren, und ihre zärtlichenWorte durchtobten ihm die Seele, denn sieerinnerten ihn an die Vergangenheit. Einmal,ja, das will ich Ihnen noch erzählen, einmalfuhr der gräfliche Kutscher einen Jüngling,dessen Züge ihm wunderbar bekannt und ver-traut waren, er konnte sich einer lebhaftenTheilnahme nicht erwehren, und fragte denjungen Mann nach seinem Namen. Er nanntesich aber Graf Gehberg. Ein Sohn des Gra-fen Gehberg, fragte der Graf'rasch, der vorsechs Jahren so plötzlich auf seiner Burg ge-storben? — Desselben, antwortete der jungeGraf, und zwar ein Sohn aus der ersten Ehe,seine beiden andern Frauen heirathete er zehnJahre später. Als der Graf, der Kutschermein' ich, dies vernahm, hielt es ihn nichtlanger, Thränen entstürzten seinen Augen, und