Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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457
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rückgedrängte, wenn auch der Zahl nach kleine, dochdurch ihren treuen, festen und konsequenten Anschlußan Principien und volksthümliche Interessen starkePartei achter Vaterlandsfreunde im Leben. DieserPartei, die im Grunde allein keine Partei ist, gehört,wenn nicht alle Sterne trügen, die Zukunft. DieVolkssache wird, wie es auch in der Natur der Sacheliegt, in der Schweiz doch endlich siegen, und einevon außen unabhängige, selbstständige, und in sicheinige Eidgenossenschaft wird die Frucht dieses Siegessein. Schwankungen der Dinge, Wendungen derMenschen werden noch viele eintreten, aber das Zieldes nationalen Strebens nicht verrücken, und daszu erreichen nicht hindern, was, wenn auch nur nochals Keim, doch in Sinn und Herz einer überaus gro-ßen Mehrheit der schweizerischen Bevölkerung liegt.

Inzwischen ist die Sommerszeit, die Sonnenzeltder eidgenössischen Vereine und Feste eingetreten. Soeben geht eins der bedeutsamsten und großartigstenFeste zu Ende, nämlich das Schützenfest, dasSpiel und Ernst, wie kein anderes eint. Es wirdalle zwei Jahre gefeiert und wandert von einerSchweizerstadt zur andern. Solothurn war diesJahr im Besitz dieser Auszeichnung. Solothurnsschöne Lage und Oertlichkeit war besonders dazu ge-eignet und seit Monaten waren die ungemeinsten Zu-rüstungen zur Feier gemacht worden. Mit eben soviel Geschmack als Aufwand war ein wohlgelegnerRaum eingerichtet und ausgeschmückt worden. DasFest dauerte vom 12. bis zum 19. Juli. FünfzigScheiben, in welche die ganze heilige Woche hindurch,von Morgen bis Abend, geschossen ward, waren auf-gestellt. Die Summe der Gaben' und Preise, derenAusstellung das Interesse des Kunstsinns wie des Ge-winns freudig anregte, wird auf den Realwerth von50,000 Schweizerfranken geschätzt. Riesenküchen undKeller mit Speisehallen, aus welchen mit 3000 Gä-sten besetzte Tafeln versorgt wurden, Rednerbuhnen,Musiksäle, Schützenstände und Galerien waren aufdem mit Baumgängen und Springbrunnen umgebenenPlatze aufgebaut. Ankunft und Abschied der Schü-tzenzüge mit Fahnen und Musik, Gesang, Toaste,Reden und Kanonensalven belebten das Treiben undden Anblick der versammelten und auf- und abwägen-den Menge, die täglich wechselte. Die Zähl der dasFest von nah und fern besuchenden Fremden wird überHunderttausend angegeben. Zum erstenmal seit derEntstehung des Vereins waren alle zwei und zwanzigKantone durch ihre Zuzüge repräsentirt, und alle Fah-nen in gemeinsamem Lager und das Hauptpanner,das weiße Kreuz, im rothen Felde aufgepflanzt.Die Schießkunst zeigte sich im glänzendsten Lichte undward wie der Lurus in den Stutzen (Schießgewehrender Schweizer) von allen Ausländern bewundert.Polizei und Miliz schien nur als Zuschauerin und zurParade aufgestellt. Die preiswürdigste Ruhe, Ord-nung und Eintracht, wie Heiterkeit, die auch durchdie wechselvolle Witterung nicht getrübt ward, herrschte.Nichts verunglückte oder schoß fehl, als einige Toasteund Reden, und gewisse Parteizwecke, die selbst nichtrecht reg und laut werden dursten. Ein wohlv er-faßtes Blatt mit netten Zeichnungen, das täglich aus-gegeben ward, hat die unvergleichliche Feier demfernen Publicum und der Geschichte aufbewahrt. —

-j-Aus Schlesien. — Schlesische Aus-sichten. Der Schatten mag noch so finster sein,er mag noch so lange das Licht verdecken, endlich

bricht dieses doch hervor und verscheucht mit siegen-dem Strahle Nacht und Dämmerung! So in unsremSchlesien. Es war eine lange, lange Periode ein-getreten, die in Bezug auf Erscheinungen im Feldeder Literatur und Aesthetik wenig oder nichts darbot,eine dabulu rarm, auf welcher das Auge vergeblichnach einer erquicklichen Oase in dürrer Wüste umher-irrte. Wollte man davon jedoch auf allgemeine Gei-stes-Unproductivität, auf eine Verflachung der höch-sten Interessen überhaupt schließen, so würde mandurch ein voreiliges Verdammungsurtheil Schlesienund seinen gebildeten Bewohnern kein geringes Un-recht zufügen. Der Krebsschaden, der so lange schonund so verderblich an dem Erblühen und Wachsthumunserer Literatur genagt hat und leider noch nichtganz geheilt werden konnte, ist die unglaubliche Theil-nahmlosigkeit des großen Publicums an den wichtig-sten und einflußreichsten Lebensfragen unserer Zeit,ein Jndifferentismus, dessen traurige Wirkungen nichtausblieben und an deren nachhaltigen Folgen wir bisheute zu leiden hatten. Ich könnte hier eine MengeNamen anführen, deren Wiege unsere Provinz war,die einen guten Klang haben und jetzt tüchtige Stützeneiner schlesischen Literatur geworden wären, wenn sienicht in gezwungener Wahl zwischen schnöder Gering-schätzung im Vaterlande und gerechter Würdigung inder Fremde sich für das Letztere natürlich entschiedenhätten. So zogen unsre Sänger und Erzähler, unsreDichter und Künstler hinaus und der Heimath bliebnichts als ihrer Namen Gedächtniß und der Vorwurf,so reiche Schätze sich nicht mit geizender Sorgfalt er-halten zu haben. Unsere Arena blieb leer und ohnedie gelehrte Thätigkeit der Universität würde Deutsch-land von schlesischer Geistesregsamkcit wenig mehr er-fahren haben als von der des ehrwürdigen, himmli-schen Reiches im fernen Asien. — Jetzt scheint esanders zu werden; wenn mich nicht eine zu frühzeitigeHoffnung täuscht, ist die Bahn gebrochen, auf derrüstig fortzuschreiten und im Sturmschritt das voran-geeilte Deutschland einzuholen, die Aufgabe und dasedle Ziel schlesischen Ehrgeizes und schlesischer Kräftesein und bleiben wird. Die Lethargie, welche demTodeöschlafe nahe verwandt war, schwindet mehr undmehr und kaum daß wir uns die Augen gerieben undstaunend um unö blicken, so schürzen wir schon dasGewand und schicken uns an unverdrossen einzuholen,was wir versäumt, durch doppelte Regsamkeit wiedergut zu machen, was unsere Trägheit verschuldet hat.Und wahrlich, es ist keine geringe Aufgabe, ein altes,eingewurzeltes Vorurtheil zu besiegen und dem un-gläubigen, auch wohl spöttischen Lächeln gewisser ästhe-tischer Rhadamanten mit ihren» Wahlspruch: „ waskann aus Schlesien Gutes kommen?" unverzagt dieStirn zu bieten, es gehört Beharrlichkeit dazu, demvornehmen Jgnoriren wortführender Notabilitäten ent-gegenzutreten und eine Menge andrer Hindernisse,Mißverständnisse und Kleinlichkeiten aus die Seite zuräumen. Aber, wie gesagt, der Anfang ist gemachtund es ist keine imaginäre Träumerei, wenn wir einschönes, kräftiges und lebenssrisches Gedeihen schle-sischer Literatur ankündigen. Die Psyche hat ihrezarten Flügel entfaltet zum Höhenflüge, sie soll abernicht treulos wieder entflattern und ein kosmopoliti-scher Wanderbursche die Welt durchstreifen, sondernheimisch bei uns bleiben — sie soll nicht opfern auffremden Altären, denn wir wollen ihr einen eigenenTempel bauen und sie Pflegen und verehren als unserhöchstes Besitzthum! — Sticht allein das gleichzeitigeVorhandensein einzelner Kräfte bedingt die progressive

Thätigkeit des großen Ganzen, sondern in der metaphy-sischen Entwickelung der Allgemeinheit, in dem Her-anreifen des Volkscharakters zur Empfänglichkeit fürhöhere, geistige Eleinente, liegt die Verheißung einerreichen Zukunft ausgesprochen. Der Echtester ist nichtunberührt geblieben von der großen, geistigen Revo-lution der neuesten Zeit, er hat den einflußreichenDebatten über sociale Fragen und philosophische Prin-cipien seine Aufmerksamkeit geschenkt und absorbirt,was davon bisher seine Erledigung gefunden — erist jetzt fähig den Charakter der Gegenwart zu beur-theilen und eine unabhängige, ehrenwerthe Stellungim Kreise deutschen Lebens und deutscher Intelligenzeinzunehmen. Mit einem Worte, wir können unsanschicken zu einer fröhlichen Opferfeier und muthigaus Werk gehen ohne länger starren, übelwollendenWiderstand oder die verdrüßlichen Mienen dumpferPhilisterhaftigkeit fürchten zu dürfen.

Aber vergessen wir nicht, daß wir erst an derSchwelle der kommenden Tage stehen. So lange esnicht gelingt, ein Organ herzustellen, durch welchesschlesische Literaturinteressen in größter Vielseitigkeit sichaussprechen dürfen, so lange es an einem Brennpunktefehlt, in welchem sich das freie, mannigfache Wir-ken concentrirt, so lange wird uns jene Selbststän-digkeit mangeln, welche wir besitzen müssen, um be-sonnen und consequent dem Zielpunkte unsres Stre-bens entgegen zu schreiten. Die schlesischen Literatensehen sich der Gelegenheit beraubt, so thätig zu sein,als sich von ihren Talenten erwarten ließ, denn ihrejournalistischen Leistungen müssen, um nur zur Öf-fentlichkeit zu gelangen, nach allen Himmelsgegendenwandern und was für uns speciell anregend und beach-tenöwerth sein dürfte, und in einer in unsrer Haupt-stadt erscheinenden Zeitschrift vollkommen am Platzewäre, findet in auswärtigen Blättern nicht immerAufnahme, weil es jenen» Leserkreise in der That oftzu entfernt liegt, um zu interessiren. Diesen Punktnun, die Gründung einer schlesischen Journalistik,stellt die ain Eingänge erwähnte üble Seite des hie-sigen Volkscharakters, Lauheit und eine gewisse geistigeTrägheit am meisten ans Licht. Holtei und Andereversuchten die schwierige Aufgabe zu lösen, mußtenaber davon abstehen, theils weil sie nicht sorgfältiggenug in der Auswahl der mitwirkenden Kräfte wa-ren, hauptsächlich jedoch, weil sie sich einer so bei-spiellosen Indolenz, als sie bei unsern lieben Lands-leuten fanden, nicht versehen hatten. Ich bin derfesten Ueberzeugung, daß ein solches Unternehmen,jetzt begonnen, mit Umsicht geleitet und von den nöthi-gen Mitteln unterstützt, einen ungleich bessern Erfolghaben würde. Durch die Begründung der brcs -lauer Blätter ist tüchtig vorgearbeitet »vorder»;die Redaction derselben hat mit ehrenwerther Beharr-lichkeit die Verwirklichung der hier angegebenen Ideenverfolgt und es darf ihr um so »venigcr die gebüh-rende Anerkennung versagt »verden, da sie, obgleichvon vielfachen Rücksichten gedrängt und nur langsamSchritt vor Schritt Terrain erkämpfend, dennoch diegenannte Zeitschrift aus der niedern Sphäre einesVolksblattes zu ihrem jetzigen Standpunkte emporge-hoben hat.

Kau»»» wird es nöthig sein, mich schließlich gegenetwanige Vorwürfe derer zu sichern, die geneigtsein möchten, mich mißzuverstehen oder meinen Wor-ten , die ich aus der Fülle des Herzens und vorn be-sten Willen beseelt, gesprochen habe, eine falscheDeutung unterzulegen. Wenn »vir als Hauptaugen-merk der literarischen Bestrebungen Schlesiens aufstel-