Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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456
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Ihr schloffen sich die Fahnen von Stuttgart, Leipzig,Frankfurt und Berlin, die Producte der neuen Presseund Träger des endlosen Papieres an. Den Zug be-schloß ein Frachtwagen nnt einer Bücherfuhre nachLeipzig. Hinten auf dein Wagen saß ein Junge inFuhrmannötracht, der einige Exemplare eines nettenGedichtes in Fuhrmannssprache unter das Volk aus-theilte. Eine Strophe davon hieß:

Was macht dem Rappen leicht die Fuhr' ?

Es ist die löbliche Censur.

Denn, wenn was z' arg fallt ins Gewicht,

So leivet's diese Freundin nicht.

Der sonstigen Thcilnehmer, zu denen auch derstuttgarter Liederkranz gehörte, waren sehr wenige,von den Schriftstellern folgte ein einziger. Als derZug in der Kirche angekommen war, ereignete sich,wie manche meinen, ein böses Omen. Das Bandnämlich, welches die Bibel hielt, riß und das heiligeBuch fiel zu Boden. In früheren Zeiten hätte mandies für ein ungeheures Verbrechen des Bibclträgersgehalten, in keinem Falle aber für ein Omen; hierwar es just umgekehrt, denn jede Zeit erkennt nurauf zeitgemäße Weise dies für Verbrechen, jenes fürein böses Omen an, und deshalb kommt es, daßOmina nicht ohne Bedeutung sind. Aus der Kircheging's auf den Marktplatz, die Liederkränze sangen,W. Menzel hielt eine Rede (die Beurtheilung dersel-ben gehört nicht hieher), die Vorhänge der Tribunegingen aus und nun sah man auf derselben Setzer,Drucker und Buchbinder in voller Arbeit, währendsich das Volk um die Blätter riß und dieselben imHaschen zerfetzte, welche in die Massen der Umstehen-den geworfen wurden. — Somit war das Haupt-fest zu Ende. — Des Abends fand sich Alles inder Allee ein, wo eine Masse Bierwirthe sich aufge-pflanzt hatten. — Den folgenden Tag, den 25.,zog man auf den von Stuttgart l.j Stunde entlege-nen Lustort, die Solitude. Die Buchdrucker und dieübrigen Eorporatiouen des Zuges hatten ihre Fahnennicht vergessen, und als sie oben angelangt waren,hielt ihnen N. Müller eine Begrüßungsrede. Nachderselben ergab man sich ganz der Freude. Die we-nigsten konnten an der Table d'hote des Wirthshau-ses speisen, doch hatte man im Freien, in der Allee,wie um das Schloß herum, viele Bänke und Tischeaufgeschlagen und eine Masse Bierwirthe und Restau-rateure von Stuttgart und Lconberg hatten sich An-gefunden. Da trat aber ein gelinder Landregen einund alles flüchtete in die Säle des Wirthshauses.Vor allem fehlte es an Stühlen, selbst an der Tabled^hote, und man nahm mit Schemeln, Kisten undBrettern, die man über zwei Stühle legte, vorlieb.Trotz der Menge der Anwesenden, der Stühleraub-sucht und der durch die Nothwendigkeit der Dinge be-dingten schlechten Bedienung wurde kein Streit undUnwillen rege. Man war harmlos, machte seineneigenen Kellner und begnügte sich mit dem Plätzchen.Hier trug sich einer eine gebratene Gaus oder einHuhn davon, ihm folgte ein anderer mit Salat, dortwar jemand ganz vergnügt, daß er der Eigenthümervon einigen Wurstschnitten war, die er auf einer Gabeltrug. Da gingen Bauern durch den Saal und wun-derten sich über die altdeutsche Tracht, meinten, daßes Ausländer wären, doch ungewiß dessen fragten sieunglücklicher Weise einen Witzbold um Bescheid, derihnen erklärte, es seien Ausländer aus dem 15. Jahr-hundert, worüber jene dann höchlich staunten undsich verwunderten. Da wurde denn auch solch einAusländer oder Inländer von zwei Freunden, selig

durch sein berauschtes Wesen und den Wein, durchden Saal geführt. Niemand wunderte sich darüber,jeder wußte wohl, warum. Selbst die Damen beka-men einen kleinen Rausch und er stand ihnen an demTage nicht übel. Einige geschlossene Gesellschaftenhatten sich Zimmer gemiethet, leider fehlten die Stühledarin, doch was that's? Man zog die Commodeuka-sten heraus, legte Bretter darauf und war mit die-sem Sitze zufrieden. Endlich wollte man auch tan-zen, aber wo den Raum hernehmen? Man spielteauf und man ertanzte sich einigen Platz, war dieserauch nur ein Paar Schritte breit. Um 7 Uhr Abendsbrach man auf; auf dem Hasenberge zündete manFackeln an und zog gen Stuttgart. Hier war derFeuersee erleuchtet, und als die Lichter verloschen,zerstreute sich die Menge.

Mehrere Gedichte erschienen zu diesem Feste, vondenen eins hervorgehoben zu werden verdient: „Nurall' hundert Jahr einmal kostet es 3 kr." Es ist hu-moristisch geschrieben, ich gebe 2 Strophen davon:

Taut erfand das A B CUnd die Kunst zu schreiben,

Aber Gutenberg, Juhe!

Sollt' es höher treiben.

Flügel gab er unf'rer Schrift.

Ganz verblüfft

Ward in Mainz der Teufel.

Denn er sah in dieser StadtGroßgedruckt die Bibel.

Ein geehrter MagistratFand das Werk nicht übel:

Nur die hell'ge Klerisei

Rief: Ei! ei!

Das sind Hexereien.

Man könnte fragen und man fragt auch, wes-halb denn die Schriftsteller im Zuge fehlten, sie wur-den ja durch den schwäbischen Merkur öffentlich dazuaufgefordert. Hierauf eine bestimmte Antwort zugeben, könnte schwer fallen, da jeder aus eigenemAntriebe, eine Verabredung fand nicht statt, sichdavon ausschloß. Nur A. Lewald hat sich darübergeäußert. Er fand sich nämlich dadurch beleidigt,daß man ihn nicht besonders dazu eingeladen hatte.Auch hatte er noch einen zweiten Grund. Das Fest-coinits hatte W. Menzel zu seinem Mitgjiede gewählt.A. Lewald meint aber, und da hat er wohl nicht soganz unrecht, dieser Mann passe insofern nicht dazu,da die meisten Schriftsteller, besonders aber die jün-geren, nicht mit ihm sympathisirten. Trotz dieserWahrheit war Menzel als Schriftsteller doch würdi-ger dazu als Lewald, und nur bei letzterem, nichtaber bei den übrigen Literaten, konnte das erst aus-gesprochen genügenden Grund geben, diese Festlich-keit zu versäumen. Die Bedeutung des Festes ist zugroß, zu allgemein und allumfassend, als daß dieübrigen Literaten einem so geringfügigen GrundeFolge geleistet hätte». Ich glaube, der Grund warein anderer: man war traurig, jeder für sich undvon Herzen traurig, daß Deutschland nach 400 Jah-ren den Franzosen und Engländern, den Schweizernund Amerikanern, in Bezug auf die Preßfreiheitnachstehen mußte, daß deutsche Schriftsteller jenennachstehen mußten, besonders da Guteuberg einDeutscher war. Wehmüthig schlichen sie neben demZuge her, sie konnten ihm nicht angehören, da ihreernsten und traurigen Gesichter ihn verdunkelt hatten.Zürnt ihnen nicht! es sind Ehrenmänner. Nach Kö-sen, wo die Leipziger Literaten das Buchdruckerfestfeierten, wünschte sich mancher. Dort, glaubte man,feierte man nicht blos das Fest durch Erinnerung, sondern

durch ernste und große Entschlüsse, die dereinst that-kräftig und wohlthuend für die Zeit derselben entge-genstreben. Und es ist gewiß, daß wir, eh' hun-dert Jahre vergehen, ein zweites Buchdruckerfest die-ses Jahrhunderts feiern, dem der Wein nicht fehlenwird, doch das nicht so bald, als der Rausch desWeines vergessen sein wird. Wir hoffen auf Gott:

Eine feste Burg ist unser Gott.

6 .

O Aus der Schweiz, im Juli 1840. —DieneueAristokratie. — DasSchützen-fe st. — Das im Völkerglauben verhängnißvolle Jahrist zur Hälfte verflossen und die im Ganzen seit sechsMonaten bei uns eingetretenen Veränderungen sindhöchst unbedeutend. Die Umwälzungen in rückgängi-gem Sinn, welche in Schwyz und Zürich statt-gefunden, sind durch die spätern in Tessin undWalliö, welche im Interesse des Fortschritts ge-schehen, compensirt worden. So stehen dem äußernAnsehen nach die Gesammtverhältnisse auf dem glei-chen Punkte, wie vor einem Jahre. Aber manwürde sich sehr täuschen, wenn man den eigentlichenStand der Dinge nach diesem Anschein, oder nachdem verworrenen öffentlichen Gerede der Parteien,wie es zum Beispiel in der allgemeinen Augsbur-ger Zeitung mit Besprechung der kleinlichsten Zu-fälle geführt wird, beurtheilen wollte. Die Haupt-masse und Gesammtkrast, welche die Entwickelungund den Erfolg entscheidet, liegt im Hintergründe,und tritt blos in großen Augenblicken mit ihrem tzuos6 A 0 , mit ihrem Veto oder Volo hervor. Das lehrtdie ganze Schweizergeschichte des verflossenen Jahr-zehends, in welcher wieder, wie vor Altem, dasVolk sich das letzte Wort und die entscheidende Thatvorbehielt. Das sieht nun bald Jedermann ein, aus-genommen diejenigen, welche an der Spitze unsererGeschäfte stehen und meinen, sie und sie allein müß-ten alles machen und alles ordnen. Es ist dies derWahnsinn, die Tollheit des Pseudoliberalismus unddes Hulliculisms batarck, welcher am Ruder sitztund den man jetzt als neue Aristokratie, imGegensatze zur alten, oder als weiße Aristo-kratie zum Unterschied von der sogenannten schwar-zen zu bezeichnen anfängt. Durch eine ganze Reihehöchst beleidigender Mißgriffe hat diese Partei dieVolksgunst, welche in der Republik die Hauptmachtbildet, verscherzt, und ist da und dort gestürzt wor-den , überall aber im Sinken begriffen. Daher zeigtsie sich jetzt von einem Condescendenz- undConcessionsfieber ergriffen, womit sie die Ge-genpartei zu gewinnen oder zu beschwichtigen hofft,während sie all' ihre alten Plane und Projecte inxetto trägt und sie auf Umwegen und durch Kunst-mittel zu erreichen sucht. Allein, wie gesagt, ver-gißt sie nur das Volk, und zwar in dem Maße, daßsie, wie in den Kantonen Aargau und Luzern, sichdemokratische Principien ausspricht und die Verfas-sungsreformen in dem herannahenden gesetzlichen Zeit-punkt zu umgehen oder zu verkümmern strebt. DasSpiel, welches diese nur noch durch ihre Stellungmächtige Partei jetzt treibt, ist um so gefährlicher,da jetzt die alte Aristokratie und die Klerisei, wie inBelgien, wenigstens scheinbar, den von den Libera-len verlassenen demokratischen Grundsätzen huldigtund nicht ohne Erfolg um die Volksgunst buhlt.UeberdieS steht eine, zwar in diesem Augenblick durchaller Art chicanöse Manövres von beiden Seiten zu-