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indessen für dasselbe auf der Spitze des Sinai,um einsam die Aussprüche der ewigen Vernunftzu vernehmen und niederzuschreiben; sondern stattseiner erscheint der Despot, der glückliche Feld-herr und Eroberer, der es mit dem Köder desRuhmes und der Kriegsbeute lockt und ihmseine Gesetze mit eisernem Griffel dictirt. Sosahen wir nun, ohne Bild zu sprechen, inFrankreich im Strudel der Revolution vierConstitutionen schnell sich verschlingen, umdem Gesetzbuche Napoleons Platz zu machen.Umsonst hatte man die Freiheit und Gleichheitder Bürger vor dem Gesetze verkündigt, weil dieLeidenschaft ihre Forderung für Freiheit Hieltund kein Stand dem andern dieselbe Freiheiterlaubte, bahnten die sich selbst zerfleischendenFactionen dem nothwendig gewordenen Despo-tismus den Weg. Der laut verkündigte Cul-tus der Vernunft war der höchste Sieg der Un-vernunft, in dem man den Glauben an Gottund Unsterblichkeit damit vertilgen wollte! Die-ses Schreckbild der Aftervernunft hatte so tiefden Glauben an eine wahre Vernunft erschüt-tert, daß zwei Jahre spater die Verkündigungeiner allgemeinen Cultusfreiheit diese Wundenicht mehr zu heilen vermochte. Wahrer Cul-tus der Vernunft in einer alle Stande mitwahrer Rechtsgleichheit umfassenden Conftitu-tion und durch wirklich freien Glauben undCultus geheiliget, hatten wohl ein dauerndesStaatsgebäude gegründet. Aber die Nemesisforderte ihre Opfer. Eine Sünde wurde derandern Mutter. Auch Napoleon konnte dasauf sein Genie gegründete Staatsgebaude nichterhalten. Als die Bewunderung seiner Siegeund der Enthusiasmus der Eroberungen erkal-tete, nahm er die Staatsreligion zu Hülfe —und indem er die Kraft eines religiösen Vorur-theiles mit seinem genialen Blicke eben so gutdurchschaute, wie die Kraft des Egoismus unddes Talentes — stützte er feinen Thron auf dieReligion der Mehrzahl der Franzosen — aufden römischen Katholicismus — und auf denArel des Verdienstes, den er um sich sammelte.Auch dieses Gebäude unterlag der Zeit, weiles nicht auf wahre Freiheit, nicht auf diewahre Anerkennung der Menschenrechte, wederauf wahre Humanität, noch auf wahre Reli-giosität oder Gewissensfreiheit gebaut war.Aber auch die Restauration konnte sich nichthalten, weil sie nicht die Ideen der Vernunft,sondern die Ungleichheit der Rechts restaurirenwollte — und sie fiel, als sie frevelnd dielängst beengte Preß- und Denkfreiheit vernich-ten wollte, nachdem sie lange schon die Prie-sterherrschaft über die Gewissen geschmeichelthatte.
Nun erwartete man von der Juliusrevolu-tion den Sieg der Menschenrechte in ganz Eu-ropa. Aber wie wenig selbst ihr Großvater,der jugendliche Greis Lafayette, an diesen Siegglaubte, sah man daraus, daß er dem aufge-regten Meere nicht länger traute und schnellden Bürgerkönig, als den besten Steuermann,an das Staatsruder der besten Republik stellte.Wohl hatte eine Bevölkerung, die sich dreiTage in der Straße der glänzenden Hauptstadtschlug, und alle niedern Gelüste unterdrückend,an nichts als an den Sieg der bürgerlichenFreiheit und Gleichheit dachte, einen großenFortschritt in seiner politischen Erziehung ge-zeigt. Aber bald zeigte es sich, daß eigentlichnur die wohlhabende Bürgerclasse mehr vonden Ansprüchen des neuen Adels und der altenHofpartei und eben so von den drohenden Fort-schritten der Priesterpartei aufgereizt, mehrihre Unabhängigkeit und die Aristokratie desHandels, des Ackerbaues und des Geldes her-zustellen, als die Heiligkeit der Menschenrechtezu rächen suchte. Die Proletarier wurdenunter dieselbe Knechtschaft der Fabriken undder großen Landbesitzer zurückgewiesen, undtrugen einzelne, für ihre Tapferkeit mit demOrdenszeichen des Bürgerkönigs geschmückt-,dieselbe Last und Hitze des Tages wie zuvor.Für ihre physische und moralische Erziehungwurde auch in dieser, besten der Republiken soviel wie nichts gethan. Die indirekten Abga-ben blieben im alten Verhältnisse. Der Reich-thum wurde so viel als möglich geschont. Un-ter dem lockenden Schimmer der Freiheit desUnterrichts erkannte man die Souverainetat deruntersten Classen nur darin an, daß kein sitt-liches Gesetz ihren Ausschweifungen Schrankensetze und daß man ihren Kindern keine unent-geldlichen Realschulen errichtete und die Erzie-hung des Arbeiters wie bisher dem Zufalleüberlaßt*). Der reiche Bürger will einen Pö-bel unter sich haben, über dem er steht, dener beherrscht, den er, wenn seine Rechte ge-schmälert werden, zum Kampfe aufruft undder die Paläste des Adels wie die Tempel des
*) Erst in diesen Tagen hat der neue Ministerdes öffentlichen Unterrichts, Cousin, ein warmesWort für die armen Schulmeister, deren einer seineBitte um Brod an die Kammer richtete, gesprochen.Schnell wollte ein Graf Ta scher die Kammerdarüber wegleiten. In der bayerischen Kammer hatteman dieselbe Erscheinung, und wurde ausgesprochen,daß manche Schullehrer nur 60 fl. Lohn haben, abermit welcher Kälte eilte die servile Majorität der rei-chen Deputirten darüber weg, die für prunkendeSteinhaufen Millionen bewilligt. Zuerst dasNothwendige, dann erst das Schöne sollte es aberheißen!
Cultus mit gleicher Kaltblütigkeit verwüstetim Namen des selbftherrschenden Volkes! Wiedie Bürgeraristokratie den Pöbel gern als Pö-bel nieder hält, so stimmte auch die monarchi-sche Politik des neuen armen Bürgerkönigs,dessen Orakel stets jener alte Diplomat blieb,der behauptete: der Mensch habe seine Sprachenur, um damit seine Gedanken, zu verbergen,damit zusammen, den Pöbel seiner Freiheitnicht zu berauben, und er glaubt so wenigwie jene Selbstherrscher, die ihren Thron vomSündenfalle ableiten, an den sie lieber, als andie Erlösung durch das Kreuz glauben, daß esmöglich oder daß es nützlich sei, auch den Pöbelgegen seinen Willen in die Classe des denken-den und freien Bürgerthumes zu erheben.Nicht die Aufklärung des Verstandes vereinigtmit dem angeborenen religiösen Gefühle, son-dern nur die mysteriöse Kraft eines die Ein-bildungskraft zauberisch leitenden Cultus solltedie untere Masse beherrschen und zügeln. Jenessophistische Wort Lucian Bonaparte's (gespro-chen im Namen des Tribunals in der Sitzungdes gesetzgebenden Corps vom 18. Terminal 10.Jahres) hatte sich als eine schätzbare und an-wendbare Tradition auch in dem neuen Cabi-nette des Königs der Franzosen fortgeerbt, näm-lich das große Wort: „ In freien Staaten kanndie Macht nur durch die National-Mei-nung und besonders durch die des Land vol-k e s bestehen; auf das Landvolk aber hat die Re-ligion denmächtigstenEinfluß, folglich mußtem§n sich derselben aus Staatsklug-heit bemächti g en." — Es war also dieReligion des Landvolkes, aus welche Napoleonseine Kraft stützte, deren er sich aus Staats-klugheit bemächtigte, durch eine Religion,die man nicht durch den öffentlichen Unterricht,sondern durch die Pracht des vom Staate do-tirten Cultus und durch die geheimen Fädender Hierarchie zu erhalten suchte. „Vierzigtausend Gemeinden, sprach derselbe Minister,erkennen eine bestimmte Hierarchie;wie können wir diese für unmächlig ansehen,da so viele Gewissen durch einenund denselben Geist geleitet wer-den?" Diese Hierarchie sollte also fort-dauern und die Gewissen von 40,000 Gemein-den leiten, und man glaubte den Geist, derdiese Gewissen leitete, in Händen zu haben,durch ein Concordat mit dem Papste von Rom.Aber Napoleon vergaß, daß dieselbe Gunst, dieer sich in Millionen seines Volkes durch einConcordat mit dem Papst erwarb, auch durcheinen einzigen Zwiespalt mit dem Papste, dem mandie Herrschaft über die Gewissen nur ließ, inder Meinung, sie durch ihn an den Thron zu