Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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465
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fesseln, wieder erschüttert werden könne. „DieRepublik, sprach der Bruder des ersten Kon-suls, hatte durch Errichtung einer unabhän-gigen Secte ihren Einfluß in Europa ver-mindert." Soweit waren die Napoleonidendamals schon in dem Gedanken verstockt, daßein Herrscher auch die Kirche formen könne,wie er wolle, daß ihnen der Gedanke von un-beschrankter Kirchenfreiheit, die weder eine durchKonkordate noch durch Staatsbefehle constitu-irte ist, ein Unding schien. Sie glaubten mitdem Papste auch das System des römischenKatholicismus erreicht und gebunden zu haben,wahrend der gefangene Papst später sie mitseinem galten Blitze vorn Vatican vernichtete.„Jetzt kann unser Einfluß, prahlte Lucian Bo-naparte, bis zum Mittelpunkt der katholischenReligion sich erstrecken, und wenn einst dieKirche ihre Domainen vom fränkischen Reicheempfing, so ist auch jetzt, wie zu den ZeitenKarls des Großen, der römische Hof durchseine Eristenz, wie durch Zuneigungan Frankreich gebunden, — und diese Ver-bindung wird noch inniger durch den Charak-ter des Oberhauptes, das jetzt die Kirche re-giert." Wußten die Napoleoniden nicht, daßkein Papst, als der erste, der es empfing, dieseDomainen als ein Geschenk der Franken be-trachtete,. sondern daß alle bis auf unsere Zeitdiese Domainen nur als ein Vermächtniß desersten christlichen Kaisers betrachteten, das ih-nen nur die Zeit entriß, aber auf dessen Besitzsie nie verzichten >— weil ein so rechtlicher Be-sitz, den sie uns aus dem falschen TestamentsacteKonstantins bis zur Stunde beweisen, durchkeine Verjährung verloren gehen kann! Dahererklärten sie die Besatzung des Kirchenstaatsdurch die Franken wohl für einen Kirchenraub,aber sie hielten weder dessen Zurückgabe, nochdie neue Dotation der französischen Kirche fürein Geschenk, sondern nur für eine Schuldig-keit. Wohl war der kluge Pius VII. gegenNapoleon freundlich, aber nie war er seinFreund. Zwar las Napoleon in der päpstli-chen Bestätigungsbulle des Konkordats die sü-ßen Worte: unser gelobtester Sohn in JesusChristus, Napoleon Bonaparte, erster Konsulder fränkischen Republik. Der Papst sprach imfeierlichen Konsistorium vom 24. März 1802:„Aber Gott der Vater der Barmherzigkeit er-hörte endlich unser Flehen und bewirkte, daßein erlauchter Mann, dem Frankreich seineTriumphe, seinen Wohlstand, seine Ruhe undden Frieden verdankt, den größten aller Planeentwarf und (was ihm bei der Nachwelt unterallen großen Männern einen unsterblichen Ruhmverschaffen wird) denselben auch ausführte.

Sie begreifen leicht, ehrwürdige Bruder, daßich hier vom .... ersten Konsul der fränki-schen Republik, Napoleon Bonaparte, >— rede."Alle Päpste haben aber später über diese Zeitder napoleonischen Herrschaft in Frankreich nurals über eine unheilvolle geseufzt. Rom hatüber die Rückkehr der Bourbonen am meistengejubelt *). Die organischen Artikel wurdenvon Rom immer als ungültig betrachtet undRoms erste Sorge war, von den Bourbonen dieVernichtung des napoleonischen Konkordates **)zu erwerben, das es in seinen eigenen Schluß-worten mit 10 Klauseln und Verwerfung allermöglichen Aufhebungsgründe als ein für ewigeZeiten unaufhebbares erklärt hatte. Doch hatnicht auch der König von Preußen dieselberömische (punische) Treue erfahren? Auch ihmwurde in einer päpstlichen Allocution vom 13.August 1821 das Lob gesprochen: Er habe inFolge seiner wohlwollenden Gesinnung gegenseine katholischen Unterthanen mit aller Bereit-willigkeit Rom hülfreiche Hanv geboten, undobgleich seine Finanzen durch schwere Unfällegeschwächt worden, so habe er doch mit derihm beiwohnenden Freigebigkeit zureichend aus-giebige Hülfsquellen geöffnet.

Vermischte Nachrichten.

* Aus Berlin.— Von dem Leben Bor-ne's, von Heine, sind hier Exemplare angekom-men , doch hat man vor der Ausgabe derselben Vor-urtheile gegen dies Buch zu verbreiten gesucht, diejedenfalls erst dann gewürdigt werden können, wennman es zu lesen bekommt. Ein Buch zu verur-theilen, noch ehe es zu beurtheilen Gelegen-heit gegeben worden, Ware jedenfalls ein jesuitischesVerfahren, von dem fortan in unserer Literatur nichtmehr die Rede sein sollte. Ich werde Ihnen näch-stens etwas Ausführlicheres darüber mittheilen.

Ein Artikel in der Hengftenbergischenevangelischen Kirchenzeitung erregt hierdas größte Aufsehen und beschäftigt das Gespräch.

*) Ueber die in dieser Allocution enthaltene Flos-kel : „die Tempel des Allerhöchsten sind aufs neue ge-öffnet, die Altäre wieder aufgerichtet", bemerkt deredle gallicanische Bischof Gregoire: „Es warendoch im September 1796, also mehrere Jahre vordemConcordat, 32,214 Kirchen offen und wurden mei-stens von beeidigten Priestern bedient. Es war alsounwahr, daß erst durch das Concordat die Altärewieder aufgerichtet wurden. Das war aber die Sprachederjenigen, die so oft: De cksum lauckamns, fürdie Siege des Mannes anordneten, die dann nachseinem Sturze eben den anspieen, dem sie am Tagezuvor noch Weihrauch gestreut hatten." Lssai Illsto-rigus sur les libsrtes cko l'ePise Aaliicans 160.Paris 1818.

**) fund dieser organischen Artikel, über welchesie unter Napoleon schwiegen.j

Er soll zum Theil eine Charakterbeurtheilung Fried-richs des Großen liefern, äußert sich aber überdas religiöse Leben dieses Königs in einem so frechenSinne, daß man zweifelhaft werden könnte: ob inBerlin noch eine Censur gehandhabt wird, wennman nicht in anderer Beziehung wieder sehr mahnenddaran erinnert würde! Warum gestattet man abereine so vorzugsweise Censurfrciheit gerade einer Par-tei, die schon so häufig bewiesen hat: daß der Pie-tismus leicht mit revolutionairen Elementen sich ver-setzt und sich wenigstens selten gut mit dem Patrio-tismus verträgt??

Der Censor der hier confiscirten Schrift von H.Beta über das Jahr 1840 ist keineswegs, wie dasGerücht ging, von der fernern Ausübung seines Am-tes entbunden worden. Es soll auch weniger derInhalt dieser Schrift zur Confiscation Anlaß gegebenhaben, als vielmehr der Umstand, daß dem Censordas Manuscript mit der Bemerkung vorgelegt wor-den : es enthalte nichts als eine treue Wiedergebungeines Artikels im berliner Gesellschafter, welchemderselbe Censor schon früher das Imprimatur bewilligthatte. Er ließ es deshalb ohne nochmalige Durch-sicht zum Drucke gelangen. Später zeigte sich, daßdie Stellen, die Anstoß erregten, gar nicht in demursprünglichen Abdruck im Gesellschafter enthaltengewesen. Es sollen im Ganzen nur 240 Exemplareweggenommen worden sein, da die übrigen entwederbereits verkauft waren oder sich im Auslande befan-den. Der Verfasser, H. Beta, ist ein junger Mannvon entschiedenem Talent, der sich durch dies Miß-geschick, das ihn betroffen, nur zur Verfolgungeines immer gediegenern Strebens angespornt füh-len wird. —-

Zur Charakteristik des Journalis-mus. — Kühne nennt in einem Artikel seinerZeitung für die elegante Welt den belletristischenJournalismus in der Ausartung, in die er jetzt inDeutschland versunken ist, eine „ S a ck g a sse v e r -hetzt er Rivalität": ein höchst treffender Aus-druck, der sehr schlagend diesen Zustand einer boden-losen Verdorbenheit bezeichnet. Betrachtet man denschädlichen Einfluß, mit welchem die PhilosophistischeKritik der Hallischen Jahrbücher Poesie undKunst verderben möchte: oder ergötzt man sich anden Sprüngen des müden Hamburger Telegraphen,der sich selbst bis zur Ohnmacht herumgehetzt hat,und der sein letztes Heil auf das Lob der kleinenunbedeutenden Localblätter setzt, in denener — als großen Beweis ihrer Unparteilichkeit —die besten Recensionen über seine sublimen Theater-stücke angetroffen habe: überall wird man den Aus-spruch Kühne's auf das Bezeichnendste in Anwendungbringen können, und mit ihm dem Streben: reinereund gesundere Säfte der Publicistik in die deutscheJournalistik hineinzuleiten, um so hoffnungsfreudigersich hingeben! —

Inder von Jenisch und Stage'schenBuchhandlung in Augsburg ist erschienen:Geschichte der italienischen Freistaaten.Ihr Ursprung, Fortschritt und Fall. VonI. C. L. Simonde von SiSmondi. Aus demEnglischen von Friedrich Wilhelm Bruck-bräu. 682 S. Der berühmte Sismondi schrieb diesWerk in London in englischer Sprache für die bekannteEncyclopädie des Dr. Lardner, der an ihn die Auf-forderung gestellt hatte, die Geschichte der italieni-